Berliner Schriftstellerin

Interview mit Katja Lange-Müller

„Komik ist eine Art Notwehr“ – Im neuem Roman Drehtür der Schriftstellerin und gebürtigen Berlinerin Katja Lange-Müller dreht sich alles ums Thema „Helfen“. Ein Gespräch über das Helfersyndrom, Humor – und die schützenswerte Eckkneipe

Katja Lange-Müller
Foto: Heike Steinweg/ www.heikesteinweg.de

tip Frau Lange-Müller, in Ihrem neuen Roman geht es um eine aus ihrem Job in Nicaragua gemobbte Krankenschwester, die nach Deutschland zurückkehrt, am Münchner Flughafen vor der Drehtür steht und ihr Leben Revue passieren lässt.
Katja Lange-Müller Meine Asta raucht Kette, wie fast alle alten Krankenschwestern. Über Krankenschwestern gibt es bislang mehr blöde Witze als Literatur, um das mal gleich vorweg zu sagen. Das Thema aber, um das es geht, rückte einem in den letzten Jahren arg auf die Pelle, und ich musste mich beherrschen, es nicht zu sehr hineinzulassen.

tip Anderen Menschen zu helfen?
Katja Lange-Müller Klar. Plötzlich lag es überall in der Luft. Spätestens, als die Flüchtlinge kamen.

tip Was denken Sie diesbezüglich über die Hilfsbereitschaft der Deutschen?
Katja Lange-Müller Es kommt immer drauf an, wie weit sie reicht. Helfen an sich ist ja ein angeborener Reflex, hoffe ich doch. Insofern finde ich es gut, dass diese Instinkte remobilisiert werden, wenn man die Not der Flüchtlinge sieht. Als Hauruck-Aktion finde ich das aber problematisch.

tip Inwiefern?
Katja Lange-Müller Viele hilfsbereite Menschen machen sich nicht klar, dass Hilfe konkret sein muss. Es ist gut, eine Kiste mit Klamotten abzugeben. In dem Moment aber, wo sich einer engagiert, sollte er sich konzentrieren, sich also zwei, drei aussuchen und mit denen ernsthaft beschäftigen.

tip Zwei Flüchtlinge?
Katja Lange-Müller Ja. Und an denen dranbleiben. Das halte ich für besser, als Stofftiere zu verschenken, mit denen die Kinder eh nicht mehr spielen. Man kann nicht nur den kleinen Finger geben, wenn die ganze Hand gebraucht wird. Diese aktuellen Ereignisse haben mich natürlich beschäftigt, obwohl ich die Idee zu dem Roman schon viel länger mit mir herumtrug, ungefähr acht Jahre.

tip Wie kommt’s?
Katja Lange-Müller Ich war selbst viele Jahre Hilfspflegerin auf der Psychiatrischen. Die Arbeit hat mich bis in meine Träume verfolgt. Irgendwann fragte ich mich, was geworden wäre, wenn ich Krankenschwester geblieben wäre. Wahrscheinlich wäre ich zu Ärzte ohne Grenzen gegangen, jedenfalls ins Ausland, wie Asta.

tip Leidet Ihre Protagonistin an einem Helfersyndrom?
Katja Lange-Müller Wenn alle, die am Helfersyndrom leiden, davon kuriert wären, würde unser Gesundheitswesen zusammenbrechen, die helfende Industrie wäre in schwerster Krise. Von Krankenschwestern habe ich oft Sätze, wie diesen gehört: „Mensch, das ist ja ein armes Schwein, gemessen an dem hab ich es doch richtig gut.“ So etwas steckt auch dahinter, wenn es ums Helfen geht. Man muss sich nicht mit sich selbst beschäftigen, weil man immerfort die Ärmel hochkrempelt und zupackt.

tip Ihr Roman erzählt in Rückblicken von Lebensepisoden, in denen es um scheiternde Hilfsversuche geht. Kann man den Roman auch als Kritik am „Helfersyndrom“ lesen?
Katja Lange-Müller Asta stellt den Sinn des Helfens jedenfalls infrage. Nur in einer Episode gelingt es überhaupt einmal, wirklich zu helfen.

tip „Helfen ist geil und macht geil: machtgeil“ schreiben Sie. Ein heftiges Urteil, oder?
Katja Lange-Müller Ja, aber das lege ich meiner Figur in den Kopf, nicht mal in den Mund. Ein Ausdruck von Verweigerung. Asta ist keine, die der Leser sofort ins Herz schließt, eher eine spröde Person. Ich hoffe, dass man sie im Laufe der Lektüre verstehen lernt und sie einem näherkommt.

tip Es gibt viele komische Momente im Buch. Ist „Drehtür“ eine Satire?
Katja Lange-Müller Komik ist eine Art Notwehr. Wenn dir ein großer Dicker aufs Maul hauen will und du bist ein kleiner Dünner, hast du nur eine Chance: ihn ganz schnell zum Lachen zu bringen. Dann haut er dich erstmal nicht. Wenn du den Leser zum Lachen bringst, am besten schon auf den ersten Seiten, dann feuert er das Buch auch nicht so schnell in die Ecke, weil er wieder lachen will. Nein, gerade einem finsteren Thema muss man etwas entgegensetzen. Als tiefschwarze Tragödie hätte ich das nicht schreiben mögen.

tip Sie sind Berlinerin …
Katja Lange-Müller Ja, ich bin Aborigine. So nennen sich die geborenen Berliner.

tip Wie nehmen Sie die Veränderungen wahr, die Berlin durchmacht?
Katja Lange-Müller Für mich ist „Berlin“ ja nur ein anderes Wort für Metamorphose. Diese Stadt hat sich immer verändert. Man braucht nur mal ein Jahr weg gewesen zu sein und kommt zurück und da, wo vorher der Briefmarkenladen war, ist jetzt plötzlich noch eine Milchkaffeebude drin. Natürlich hat man es ab und zu ganz gerne, wenn nicht alles Vertraute auf einmal verschwindet. Aber es gibt Phasen, da geschieht genau das. Im Moment ist Berlin ein Potemkinsches Dorf.

tip Alles Fassade?
Katja Lange-Müller Ja. Es steht Berlin drauf, ist aber nicht Berlin drin. Das heißt nicht, dass ich Veränderungen ablehne, im Gegenteil. Ich bin froh, dass Berlin nicht mehr so ist, wie zu der Zeit, als ich hier aufgewachsen bin. Aber gleichzeitig finde ich schon, dass beispielsweise die Berliner Eckkneipe so etwas ist wie ein schützenswertes Kulturgut.

Drehtür Katja Lange-Müller, Kiepenheuer & Witsch 2016, 224 Seiten, 19 €

LESUNG: Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte, Di 30.8., 20 Uhr, Eintritt  5, erm. 3 €

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