Kultur & Freizeit in Berlin

Interview mit Mathias Richling

Interview mit Mathias Richling

tip Herr Richling, Mitglieder der letzten Bundesregierung saßen auf Schleudersitzen. Ist es für Sie anstrengend, im derart schnellen Tempo neue Figuren einzustudieren?
Mathias Richling Überhaupt nicht. Satire darf nicht kleben bleiben an Vergangenem, und wenn  es noch so kurz her ist. Zudem stelle ich mich dermaßen schnell ein auf neue Figuren aus der Politik, dass ich oft regelrecht darauf warte, wann der nächste endlich zurücktritt.
tip: Hatten Sie das Gefühl, dass Minister/innen, deren Promotion erst aufgrund eines Plagiats aberkannt wurde und anschließend vor Gericht für ihren Doktortitel kämpfen, Ihnen als Kabarettist Konkurrenz machen? Die Steigerung stellt ja Schill im „Big-Brother-Container“ dar.
Eine alte Redewendung sagt bekanntlich, dass Konkurrenz dass Geschäft belebe. Mit ihren eigenwilligen Aktionen haben schon viele Politiker generell den Sinn geschärft für Kabarett und Satire beim breiten Publikum. Wobei man im Speziellen sagen muss – um Ihr Beispiel aufzugreifen -, dass auch der Deutsche selbst Basis genug für Satire bietet, denn in manchen Fällen der Doktor-Arbeits-Plagiate war die Empörung nach teilweise über 30 Jahren so überbordend, dass man sich gewundert hat, hier mit einem größeren Verbrechen konfrontiert zu sein als Totschlag oder Kindesmißbrauch. Da liegen die Verjährungsfristen nämlich bei 20 beziehungsweise 15 Jahren.
 
tip Häufig wird beklagt, dass Politiker heutzutage keine Ecken und Kanten mehr hätten, aber Ihr Wirken macht ja mehr als deutlich, dass genügend Steilvorlagen aus der Politik existieren?
Mathias Richling Das stimmt. Aber das liegt daran, dass ich mich bemühe, den heutigen Politikern Ecken und Kanten zu geben. Der Sinn der Satire ist nicht nur, die Eigenheiten der Karikierten herauszuarbeiten, sondern ihnen auch solche Eigenheiten zuzuschreiben, die sie gar nicht haben, aber haben könnten. Hätte Frau Merkel zum Beispiel ihre Raute nicht selbst erfunden für sich, hätte man sie für sie erfinden müssen, da diese Raute am perfektesten formal ausdruckt, was sie preisgeben will: Alles vor sich herhalten und ständig im Kreis reden.
 
tip Wer ist Ihnen denn aus der neuen Regierung besonders ans Herz gewachsen? Frau von der Leyen mit ihrem Konzept „Bundeswehr 2.0 – besonders familienfreundlich“ oder Alexander Dobrindt als Geisterfahrer auf der Autobahn?
Mathias Richling Mir sind alle recht. Und so, wie sie in der Reihe ihres Auftretens in der Tagespresse in Erscheinung treten, werden sie auch in meinem Programm „Deutschland to go 2014“ erwähnt. Ich habe da keine Dauer-Vorlieben. Die wechseln jeden Tag. Nicht, dass noch einer aus dem Bundestag eifersüchtig wird.
 
tip Welche Schnittmengen besitzt Ihr aktuelles Programm zum gleichnamigen Buch?
Mathias Richling Das Buch hat ca 280 Seiten, das Programm umfasst etwa 40 Seiten für zwei Stunden. Das heisst, dass das Buch die Grundlage für das Programm ist. Die Kernaussagen, wie unser Verhältnis zur Demokratie und das Verhältnis unserer Politiker zur Demokratie, unsere Bereitschaft, sich demokratisch zu wandeln in diesem Staat, bestimmen das Buch ebenso wie das Programm. Das Programm spielt aber darüber hinaus mit den aktuellen Themen, die uns gerade beschäftigen, wie die Krisen  in Ukraine und Irak und unsere Beteiligung dort, aber auch Banalitäten wie Maut und Seehofer oder der Aufstieg neuer Automobilclubs in der Politik wie AfD, oder haben viele da was verwechselt? Also alles, was Sie aus den NAchrichten nochmal aufgearbeiten haben wollen.
 
tip Sie kennen aus Baden-Württemberg Probleme der Umsetzung von Großprojekten – man denke an S21. In Berlin sollte bereits vor zwei Jahren der Flughafen eröffnen. Wahrscheinlich wird es auch in zwei Jahren noch nicht so weit sein. Welches Projekt erscheint Ihnen absurder?
Mathias Richling Da läuft jedes einzelne dem anderen permanent den Rang ab.  Den Verantwortlichen des BER-Flughafen ist nur vorzuwerfen, dass sie aus den Problemen von Stuttgart 21 nicht rechtzeitig Leeren gezogen haben für sich. Der Stuttgarter Bahnhof zum Beispiel soll um 90 Grad gedreht und unter die Erde gelegt werden. Warum hat man das nicht von vornherein auch mit BER unternommen. Dann wäre das Ärgernis wenigstens weniger sichtbar.
 
tip Was ist Ihr Berliner Lieblingsort, wo entspannen Sie?
Mathias Richling Na, natürlich auf der Bühne bei den Wühlmäusen. Wenn ich da nicht jedes Jahr ein paar Wochen spielen würde, hätte ich überhaupt keinen Urlaub.

Interview: Ronald Klein

Foto: Helmut Bertl

Mathias Richling in den Wühlmäusen.

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