Kultur & Freizeit in Berlin

Interview mit Nicolas Stemann

"Hat die Politik überhaupt die Macht?" Nicolas Stemann über seine Adaption der Fernsehserie "Borgen" an der Schaubühne.

Interview mit Nicolas Stemann

Nicolas Stemann, geboren 1968 in Hamburg. Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft. Tätigkeit als Musiker, später Regiestudium am Max-Reinhardt-Seminar Wien sowie am Institut für Theater, Musiktheater und Film Hamburg. Anfänge mit eigener Gruppe in Hamburg, seitdem zahlreiche Inszenierungen u.a. am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, dem Burgtheater Wien, dem Schauspiel Köln, dem Thalia Theater Hamburg sowie am Deutschen Theater Berlin. ?Seit 2002 regelmäßige Zusammenarbeit mit der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, deren Stücke Stemann oft zur Ur- oder Erstaufführung brachte. Zahlreiche Einladungen zum Theatertreffen Berlin, u.a. mit »Hamlet« von William Shakespeare (Schauspiel Hannover, 2001), „Das Werk“, „Ulrike Maria Stuart“, „Die Räuber“ von Friedrich Schiller (Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele, 2008), „Die Kontrakte des Kaufmanns“, „Faust I+II“ von Johann Wolfgang von Goethe (Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele, 2011).

tip Zum Einstieg ein Luhmann-Zitat: „Politik ist kein Vergnügen, hat wenig damit zu tun, wie man Vorräte sammelt, sich wärmt, sich bildet oder zu Frauen kommt.“ Weshalb wollen Sie mit „Borgen“ etwas so freudloses wie die Mechanik des parlamentarischen Betriebs auf die Bühne bringen?
Nicolas Stemann Man könnte argumentieren, dass Politik auch mit Verteilung von knappen Gütern zu tun hat. Das ist alles andere als abstrakt, das betrifft das Leben jedes einzelnen Menschen. Klar, die Mechanik des politischen Betriebs ist trocken und entzieht sich zunächst jeder theatralischen Darstellung. Gerade deswegen finde ich es für Theater interessant, diese abstrakten Vorgänge, ähnlich wie bei Jelineks Finanzkrisen-Stück „Die Kontrakte des Kaufmanns“, in eine theatralische Sprache zu übersetzen, die mit Menschen, mit Körpern, Bildern und Musik arbeitet und dabei sehr konkrete Vorgänge braucht. Aber unser Gegenstand und Ausgangspunkt ist ja nicht nur die Politik, sondern die skandinavische Fernsehserie „Borgen“.

tip Intelligent gemachte TV-Serien, die im Milieu der Politik spielen, haben Konjunktur: „Borgen“, „House of Cards“ oder „Westwing“. Was macht den Politikbetrieb für ein fiktionales Unterhaltungsformat so attraktiv? Sind das neue Formen von Königsdramen unter Bedingungen der Demokratie?
Nicolas Stemann Diese Konjunktur der Politik-Serien findet in einer Zeit statt, in der man zunehmend den Glauben an die Effektivität von Politik und eine funktionierende Demokratie zu verlieren beginnt. Kritiker des Neoliberalismus wie der Brite Colin Crouch sprechen von „Postdemokratie“. Hat die Politik überhaupt die Macht, oder liegt die eigentliche Macht bei der Wirtschaft? Vor diesem Hintergrund werden auf einmal in Fernsehserien Geschichten von Menschen erzählt, die Politik machen. Wir glauben nicht mehr an Politik, gleichzeitig hoffen wir, dass die Politik klug und verantwortungsvoll auf die Krisen in der Welt reagiert, von denen wir uns in unseren Wohlstandsburgen zunehmend weniger abschotten können.

tip Was ist gerade an „Borgen“ so interessant? Der Versuch, Klischees zu vermeiden, und nicht alle Politiker stereotyp nur als zynisch, opportunistisch und ausschließlich am Machterhalt interessiert zu zeichnen?
Nicolas Stemann Im Gegensatz zum Beispiel zu „House of Cards“, wo das Klischee vom zynischen, korrupten Politiker genüsslich zelebriert wird, wird in „Borgen“ von Menschen erzählt, die mit Idealen in die Politik gehen, um etwas zu bewegen. Die Probleme, zu denen eben das in den Machtmechaniken der Politik führt, werden in einer fernsehpsychologischen Narration transportiert. Letztlich gehen die Figuren und auch das System unbeschadet aus diesen Konflikten hervor. Aber im Theater kann man die melodramatische Oberfläche einer Fernsehserie nicht so lückenlos herstellen, erst recht nicht im Theater, wie ich es mache. Das führt unter anderem dazu, dass man die Geschichte nicht so glatt erzählen kann. Sehr intelligent an der Dramaturgie der Serie ist, dass sie den Spindoctor, den manipulativen Geschichtenerzähler ins Zentrum stellt. Geschichten zu erzählen gehört in der Demokratie zum Wesen von Politik oder der Kommunikation über Politik. Das wird in „Borgen“ demonstriert und hinterfragt. Wir gehen einen Schritt weiter und hinterfragen den Spin und die Story dieser Serie. Das sind zwei Fragen: Welche Geschichten erzählt die Politik, und welche Geschichten erzählt das fiktive Fernsehformat über die Politik?

tip Im Theater wie in der Politik spricht man vom Publikum und von Akteuren. In der Demokratie besteht die Schauseite der Politik aus permanenter Selbstvermarktung und der Theatralisierung politischer Entscheidungsprozesse. Kann das Medium Theater diese Prozesse möglicherweise anders und komplexer reflektieren als zum Beispiel das Fernsehen?
Nicolas Stemann Ich denke schon. Mein Theater versucht ja, gleichzeitig eine Realität herzustellen und die Herstellung dieser Realität zu zeigen. Im Fernsehen bleibt die Realitätsoberfläche lückenlos – in den Inszenierungen der Politik meist auch. Bei uns nicht, die Fiktion wird permanent durchbrochen, man sieht, dass Dinge hergestellt, behauptet, gespielt werden. Deshalb ist Theater ein ganz gutes Medium, um Fragen zum Beispiel nach dem Spin in der politischen Kommunikation zu stellen. Die Frage ist, ob es wirklich die Menschen sind, die Politik machen, wie das in den Fernsehserien durchgespielt wird, oder ob es nicht doch eher die Strukturen sind, innerhalb derer sich die Akteure mit sehr begrenzten Entscheidungsfreiräumen bewegen. Eine Frage ist, wie lassen sich die komplexen Prozess hinter der Oberflächenerzählung erfassen.  

tip Der amerikanische Soziologe Daniel A. Bell argumentiert, dass die meritokratische Auslese des Führungspersonals in der Kommunistischen Partei Chinas nach Kompetenz und Leistung einem System überlegen ist, in dem Zugang zu politischer Macht von Geld, von Wahlkampfbudgets abhängt, wie in den USA. Ist Demokratie unter den herrschenden Bedingungen eine Fiktion?
Nicolas Stemann Das ist natürlich sehr provokant formuliert. Aber die Provokation weist darauf hin, dass das, was wir unter demokratischer Legitimation verstehen, in der Praxis zumindest nicht unproblematisch ist, zum Beispiel weil politische Entscheidungsprozesse von Geld, von Lobbyisten beeinflusst werden. Der Begriff der Demokratie eignet sich gut, um bestimmte Dinge zu verschleiern.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Oliver Wolff

Schaubühne So 14.–Mi 17.2,, 19.30 Uhr, Karten-Tel.: 89 00 23, Eintritt 7-48 Euro

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare