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Interview mit OL

Man kennt OL als Zeichner, Schöpfer des "Cosmoproleten" und der "Mütter vom Kollwitzplatz". In seiner Autobiografie "Forelle Grau" beschreibt Olaf Schwarzbach, wie OL bürgerlich heißt, die Dramen und Exzesse seiner Kindheit und Jugend in der DDR

Interview mit OL

Olaf Schwarzbach wurde 1965 in Ost-Berlin geboren. Seine Mutter beging Selbst­mord, als er drei Jahre war, seinen Vater lernte er erst als Erwachsener kennen. Er wuchs in Potsdam bei seiner Tante auf, machte eine Drucker­lehre und besetzte in den 80er-Jahren eine Wohnung in Prenzlauer Berg. Seit 1990 zeichnet OL für verschiedene Medien,­ ­unter anderem tip, „Tagesspiegel“, „Berliner Zeitung“. Außerdem gestaltet er Plakate, Buch­illustrationen und Vorlagen für Filme.

tip OL, normalerweise siezen wir unsere Interviewpartner. Das wäre hier Quatsch?
OL?Völliger Quatsch. Ich bin ja seit 2005 beim tip, damals habe ich eine Anzeige für eine Geburtstagsparty bei euch in der Redaktion abgegeben und bei der Gelegenheit gesagt, dass ich für den tip arbeiten könnte. So ist der „Cosmoprolet“ entstanden.

tip Jetzt hast du ein Buch über dein Aufwachsen in der DDR und deine Flucht in den Westen geschrieben, das – anders als deine Bilder – keine lustige Sache ist.
OL Es ist ein Trugschluss, dass Leute, die Humor produzieren, auch ein besonders witziges Leben führen. Das hat meine Lektorin, die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, zu der Frau beim Verlag gesagt, die sich das Buch auch lustiger vorgestellt hatte.

tip Es geht etwa um den frühen Suizid deiner Mutter. Da warst du drei Jahre alt. Und um eigene Selbst­mord­versuche. Harter Stoff!
OL Ich habe mir gesagt: Entweder machst du es ehrlich oder gar nicht. Zum Glück hatte ich meine Stasi­akten, mit denen ich sehr präzise Daten und Orte nachvollziehen konnte. Ich war 16, als die Stasi begann, mich unter dem Decknamen Forelle zu überwachen.

tip Wir haben gestaunt, wie viele Episoden der DDR-Geschichte du gestreift hast. Wolf Biermann, Marx-Engels-Forum, Umwelt­bibliothek und die Anwälte Gregor Gysi und Lothar de Maiziиre.
OL Das ist fast so wie bei „Forrest Gump“ (lacht). Manchmal bin ich vielleicht zu didaktisch, aber ich hatte den Eindruck, dass man Lesern ohne Ost-Erfahrung viele Dinge erklären muss. In der Schule lernen die Kids heute ja kaum noch etwas über die DDR!

tip Dein Künstler­name war schon zu DDR-Zeiten OL. Wie kam es dazu?
OL OL ist die Hälfte von Olaf. Ich hatte Mitte der 80er-Jahre noch einen Freund, der hieß Peter, und weil ich so faul bin, hieß der auch nur PE. Über OL und PE entstanden in der Zeit einige Comic­geschichten, in denen die beiden als so komische Superhelden auftreten.

tip OL und PE, dann der „Cosmoprolet“. Das Superhelden-Sujet liegt dir offenbar.
OL Sagt man nicht eher Antiheld? Von Kindheit an habe ich mich für Comics interessiert. In der DDR war es zwar schwierig, welche zu bekommen – wenn ich aber welche hatte, habe ich die Figuren abgemalt. Da waren Super­helden dabei, aber auch Ritter, Germanen oder Römer. Meine späteren Comic­geschichten mit eigenen Figuren waren aber gar nicht zur Veröffentlichung gedacht. Im Osten wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen. Wer hätte meine Comics drucken sollen?

tip Existieren diese frühen Comics noch?
OL Nicht mehr viele. Die meisten Sachen habe ich verbrannt, nachdem die Stasi bei Peter die Wohnung durchsucht hat und dort einige foto­kopierte Comics von mir fand. Die hat alles eingesackt, weil man auf den Bildern Volkspolizisten mit Schlag­stöcken oder die Mauer sehen konnte. Da habe ich Muffen­sausen bekommen. Ins Gefängnis wollte ich nicht.

OL

tip Gab es Reaktionen in deinem nahen Umfeld auf die Aufarbeitung der Familien­geschichte?
OL Meiner älteren Tochter habe ich das Buch in die Hand gedrückt, ich weiß aber nicht, ob sie es lesen wird. Geredet haben wir über solche Dinge eigentlich nie.

tip Wie hat es sich angefühlt, solche biogra­fischen Details niederzuschreiben? War es eine Art Therapie?
OL Ja. Das mit meiner Mutter hatte ich aber schon viel früher geklärt. Ich brauchte damals eine richtige Therapie, um zu erkennen, dass man als dreijähriges Kind keine Schuld am Selbst­mord der eigenen Mutter haben kann. Als junger Mann war ich sehr eifersüchtig, hatte richtige Anfälle von Unsicherheit, Verlust­ängste und ich trank viel. Die Frauen wechselten, die Probleme blieben. Al“s ich dann selbst Vater wurde, wurde mir klar, dass ich etwas für mich ändern muss. Ich habe dann eine stationäre Therapie im Fichtelgebirge gemacht und dort das erste Mal mit einem Arzt über den Tod meiner Mutter gesprochen.

tip Was hat er dir geraten?
OL Er sagte mir, dass man zuerst die Schuld der Mutter geben muss, und dann kann man ihr vergeben. Das hat den Knoten gelöst.

tip Du hast in den 80er-Jahren in Prenzlauer Berg eine Wohnung besetzt, heute lebst du immer noch dort und thematisierst die Veränderungen oft in deinen Cartoons. Fühlst du dich wie der letzte Mohikaner?
OL Ich habe eher ein schlechtes Gewissen, weil die Leute von damals, die noch hier sind, so ein Stigma haben: Die haben es geschafft, sie können es sich leisten, hier zu wohnen. Es gibt aber noch einige Leute von früher, die geblieben sind. Heute scheint Prenzlauer Berg ein Ort zu sein, wo alle hin­wollen. Wenn sie dann hier sind, langweilen sie sich.

tip Spürst du eine Ost-West-Kluft?
OL Kluft würde ich es nicht nennen, aber Unterschiede gibt es sicherlich. Gerade wir Berliner aber, das sieht man ja auch bei Fil, der im Westen aufgewachsen ist, haben einen Blick für das Proletarische und die Außenseiter.

tip Der West-Berliner Fil hat ein Buch über seine Jugend geschrieben, das Schlüsse auf seine Comics erlaubt. Prägt die DDR-Zeit eigentlich auch heute noch deine Zeichnungen?
OL So etwas Proletarisches habe ich wohl bei­behalten, was aus meiner DDR-Erfahrung kommt, aus dem Umfeld und den Umständen, in denen ich aufgewachsen bin. Einmal habe ich Fil beim Umzug geholfen. Da meinte eine Frau aus dem Westen zu mir: „Du bist ja wirklich so ein Proll wie in deinen Geschichten.“ Die meinte das nicht böse, dachte aber vermutlich, dass ich mich in den Cartoons über solche Leute einfach nur lustig mache. Die war erstaunt, dass ich so eins zu eins bin. Dem bin ich mehr verbunden als einer Bürgerlichkeit. Aber Autoritäten anpissen macht man eben als Comiczeichner, egal ob Ost oder West.

tip Das Buch endet in der Wendezeit. Die folgenden 25 Jahre, also deine Karriere als Zeichner, werden ausgeblendet. Wird es einen zweiten Teil der OL-Biografie geben?
OL Rein rechnerisch würde das gut funktionieren. Die „Rückkehr der Forelle Grau“ spielte dann bis zu meinem 50. Lebensjahr. Das könnte ich zwei Jahre lang schreiben. Band drei wäre bis zum 75. und Band vier erscheint, wenn ich 100 werde. Wie Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Den vierten Band fange ich aber etwas früher an zu schreiben, denn wer weiß, ob ich in dem Alter noch so helle im Kopf bin.

Interview: Erik Heier und Jacek Slaski

Foto: OL / Archiv Olaf Schwarzbach; OL-CARTOON.DE


Cosmoprolet vol. 2 – Ein Mann räumt auf
von OL, Lappan Verlag, ?96 S., 9,95 Euro

Forelle Grau – Die Geschichte von OL
von Olaf Schwarzbach, Berlin Verlag, ?320 S., 19,99 Euro

Buchpremiere im Palais/Kulturbrauerei, ?Mi 4.3., 20 Uhr