Theater und Bühne in Berlin

Interview mit Renй Pollesch über „Glanz und Elend der Kurtisanen“

René Pollesch über seine neue Volksbühnen-Inszenierung „Glanz und Elend der Kurtisanen“, die Tyrannei der Intimität, Unterhosenmodels und den Tod eines Praktikanten

Rene_PolleschWie geht’s zu Beginn der Spielzeit?
RENЙ POLLESCH
?Gut. Diesmal habe ich wirklich sechs Wochen nichts gemacht. Alle waren in Urlaub, ich konnte mit keinem der Schauspieler über das Stück reden. Also hatte ich auch Urlaub. Damit, im Sommer frei zu haben, komme ich ganz gut klar. Aber letztes Jahr hatte ich mitten in der Spielzeit sechs Wochen frei. Damit konnte ich nicht umgehen. Ich habe tatsächlich eine Therapie begonnen, weil ich sonst nichts zu tun hatte. Das fand ich ganz gut, obwohl ich eigentlich nicht an Therapien glaube. Ich stelle immer Fehldiagnosen, was mich betrifft. Der Physiker Niels Bohr hat, als er gefragt wurde, warum er ein Hufeisen über seiner Haustür hängen hat, gesagt, er hätte gehört, dass das Glück bringt. Er glaube zwar nicht daran, aber er hätte gehört, dass es trotzdem funktioniert. So geht es mir mit Therapien. Vor zwanzig Jahren hatte ich eine Herzneurose, in der Zeit konnte ich wirklich nicht arbeiten. Ich hatte eine Therapeutin und die hat es tatsächlich geschafft, mich innerhalb von zwei Jahren von dieser Herzneurose zu befreien.

Können Sie wie andere Leute einfach Urlaub machen und in Ferien fahren?
Alleine oder mit Freunden ans Meer fahren? Das kann ich nicht. Ich kann wunderbar im Urlaub verreisen, wenn ich verliebt bin. Aber ich habe mich seit neun Jahren nicht mehr verliebt, glaube ich.

Kennen Sie das Gefühl, dass einem nach dem Urlaub erst mal alles, was man so macht, im Prinzip komplett sinnlos vorkommt?
Ich würde sagen, dass nichts automatisch wichtig ist, jedenfalls nichts von dem, was im Theater geschieht. Es wird dadurch wichtig, dass Leute es wichtig und groß machen, man selber, die Leute, mit denen man arbeitet, die Leute, die die Aufführungen sehen. Jeder kann sofort sagen, dass ist Scheiße, das braucht kein Mensch.

Sie haben immer gesagt, dass Sie Romane nicht interessieren. Jetzt inszenieren Sie an der Volksbühne mit „Glanz und Elend der Kurtisanen“ einen 800-Seiten-Roman von Balzac. Wie kommt’s?
Ich glaube, wir kommen höchstens bis zum Ende des ersten Teils (lacht). Romane sind mir zu langsam. Und als jemand, der Theater macht, möchte ich nicht damit belästigt werden, dass ich mich an so eine Geschichte ranrobben muss. Was mich aber interessiert, ist die Fiktion. Fiktionen sind ein soziales Spiel. Ich bin für Fiktionen, für das Außen und gegen die Wahrheit, die immer innen vermutet wird. Aber wenn man so was sagt, ist man sofort dem Vorwurf der Äußerlichkeit ausgesetzt, das hört sich dann leicht so an, als würde man sich nur für Unterhosenmodels interessieren.

Was haben Sie gegen die Wahrheit?
Es ist besser, sich die Schleier anzusehen, statt sie wegzureißen, um zu sehen, was dahinter ist. Das berührt auch Sennetts Buch über den „Verfall und Elend des öffentlichen Lebens“, das wir für diese Inszenierung benutzen. Wir werden natürlich nicht den Roman erzählen, das erwartet niemand von mir. Es geht um die Differenz zwischen unseren Umgangsformen heute und der Gesellschaft, die Balzac beschreibt, wo Leute im sozialen Miteinander spielen, wo es eine Schönheit der Geste im öffentlichen Raum gibt, während heute alle dauernd protestantisch nach irgendwelchen echten Gefühlen suchen und einem ein Mikrofon vor die Nase halten und wissen wollen, ob sich das, was man tut, auch mit dem Inneren deckt. Man will das wahre „Ich liebe dich“ hören, obwohl der Satz vielleicht einen viel größeren Gebrauchswert hat, wenn man ihn einfach sagt, und zwar dauernd, weil man die Erfahrung gemacht hat, dass es einen erregt, zum Beispiel. Der Satz wirkt, du bekommst eine Erektion. Aber das herrschende Modell ist, dass sich zwei Selbste über den Austausch der Sprache dauernd gestehen, was sie füreinander empfinden. Das installiert dann das Klischee eines romantischen Liebesverhältnisses, das keine Wirkung hat. Wir alle wissen, dass täglich zu zweit in Löffelchenposition auf der Couch zu liegen oder zusammen ein Restaurant zu eröffnen auf Dauer ziemlich trostlos ist.

Och, es gibt Schlimmeres als zu zweit auf der Couch zu liegen.
Ich glaube, das ist auf Dauer wirklich schwarz, diese Liebesgeschichten, die wir angeboten bekommen und versuchen, nachzuleben, was natürlich nicht funktioniert. Diese Erfahrung machen wir ja auch.

Sennett beschreibt in seiner Studie einen „Markt der Selbstoffenbarungen“ – sozialer Austausch auf der Grundlage intimer Geständnisse. Man merkt seinem Buch an, dass er es Anfang der 70er-Jahre geschrieben hat, als Therapien, die Ideologien der Selbstverwirklichung und des authentischen Ausdrucks gerade schwer in Mode kamen. Wie verhält sich Balzacs Romanwelt zu dieser von Sennett diagnostizierten „Tyrannei der Intimität“?
Bei Balzac sieht man lauter Versuche, anders in Kontakt miteinander zu kommen als durch Innerlichkeit. Was Sennett beschreibt, hat mit den Geständnisprozeduren zu tun, denen wir mehr Wert beimessen als dem Spiel: Wenn es nur gespielt war, war es nicht wirklich, dann ist es nichts wert. Bei Balzac hat das Spiel eine Realität. Die erste Szene des Romans ist ein großer Ball, viele Ballbesucher tragen Masken, aber alle können die raffinierten Codes des Spiels lesen, alle bis auf die ahnungslosen Besucher aus der Provinz. Dieses Spiel mit Codes und Masken und Gesten steht uns nicht mehr zur Verfügung. Irgendwann war die Verunsicherung zu groß und man ist zur Wahrheitsfindung übergegangen durch Identifikation. Seitdem denkt man immer, dass alles, was wir machen, ein Ausdruck eines Selbst ist oder sein muss. Mich interessiert, wie das Außen eine Realität schafft, es muss nicht immer alles von innen kommen. Ganz materialistisch: Wenn du niederkniest, die Hände faltest und die Lippen bewegst, dann glaubst du. Als ich zwölf, dreizehn Jahre alt war, spielte ich, ich bin Schriftsteller. Ich hatte eine Schreibmaschine von Neckermann, ich habe noch nicht geraucht, das kam später dazu, weil ich Bilder kannte von Schriftstellern, die mit Zigarette und Kaffeetasse vor der Schreibmaschine sitzen. In dieses Szenario bin ich eingestiegen. Es war für mich ganz wichtig, dass ich den Schriftsteller nicht in mir selbst gesucht habe. Aber wenn man in so ein äußeres Szenario einmal eintritt, hat das Konsequenzen, so ein Spiel ist ja auch zwingend. Es hat einen größeren Ernst als irgendwann aufzuwachen und einer Eingebung zu folgen. Für mich fing das Schrei-ben erst an, als ich mich von dem, was irgendwelche Autoritäten von Literatur erwarten, emanzipiert hatte. Es hat eben nichts mit einem verinnerlichten Literaturbetrieb und Hoffnung auf Anerkennung zu tun. Schreiben ist ein Werkzeug, mich mit dem, was in meinem Leben passiert, auseinanderzusetzen und mit Begriffen der Ökonomie eine Liebesaffäre zu beschreiben, was ja normalerweise verpönt ist. Liebe darf nichts mit Ökonomie zu tun haben.

Kann man Liebe spielen?
Ich bin nicht auf authentische Weise an meine Liebe rangekommen, sondern durch eine bestimmte Rahmung, durch eine Konstruktion. Ich hatte mit Leuten zu tun, die spielten, ohne unbedingt Schauspieler zu sein, die nicht das waren, was sie sagten, dass sie waren. Ein Therapeut würde sagen, das geht auf keinen Fall, das sind Lügen. Aber erst der Betrug und die Lüge machten es möglich, dass diese Liebesverhältnisse so prall und so dicht werden konnten. Anders als bei Balzac oder in der „Kameliendame“ ist es heute undenkbar, Geld als Maßeinheit für Liebe wertzuschätzen. Ich habe einmal in einem Stück, „Insourcing des Zuhause“, gesagt, die besten Erlebnisse in meinem Leben habe ich gekauft.

Spielen in Ihrer Inszenierung Birgit Minichmayr die Prostituierte Esther und Martin Wuttke das amoralisch kriminelle Genie -Herrera?
Uns interessieren solche Figurenpsychologien ja nicht. Wir kümmern uns, wie immer, um etwas, das uns interessiert. Wenn es Birgit Minichmayr interessiert, dass Schauspieler, ganz ergriffen von ihrer Figur, noch beim Schlussapplaus weinen, dann hat das etwas mit ihrem Beruf zu tun. Es ist nicht ihre Auffassung von diesem Beruf. Was bedeutet das, wenn Schauspieler glauben, dass sie den Ernst mit ihrem Innern belegen müssen? Das Spiel ist doch der Ernst und sie spielen eben nicht. Die Volksbühne war nie ein Lee-Strasberg-Theater, das wie die Polizei wissen will, wie es in einem aussieht.

Alexander Kluge hat einmal in einem seiner Interviews einen Schauspieler gefragt, ob der Satz „Ich spiele mit dem Herzen“ zutrifft. Spielen Ihre Schauspieler mit dem Herzen?
Keine gute Idee. Das wäre uns zu innerlich. Bei Balzac begegnen sich Körper, nicht Herzen. Ich finde es immer gut, wenn man nicht mit dem Herzen dabei ist. Dann hat man eine Ausstiegsklausel. Wer mit dem Herzen dabei ist, wird zum Sklaven, wie dieser Praktikant dieser Bank in London, der neulich an Überarbeitung gestorben ist. Der war mit ganzem Herzen dabei, das war in dem Fall tödlich. 

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Harry Schnitger


Glanz und Elend der Kurtisanen
?
Volksbühne,
Fr 6., Sa 7., So 15., Sa 28.9., 19.30 Uhr, ?
Karten-Tel. 24 06 57 77

 

Bettina Masuch, die Kuratorin des diesjährigen Tanz im August, über die
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