Musik & Party in Berlin

Interview mit Ricardo Villalobos

Seit Jahren zählt er zu den populärsten und zugleich innovativsten DJs der Stadt, und auch jenseits der Plattenteller zeigt er sich experimentierfreudig: Gemeinsam mit Max Loderbauer und Moritz von Oswald verpasst er Walther Ruttmanns Stummfilmklassiker "Berlin: Die Sinfonie der Großstadt" einen neuen Soundtrack. Ricardo Villalobos über das Berlin der 20er Jahre, Ausnahmezustände im Club und die Fähigkeiten osteuropäischer Straßenmusiker

Ricardo_Villalobostip Demnächst werden Sie gemeinsam mit Moritz von Oswald und Max Loderbauer den Stummfilmklassiker „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ live vertonen. Wird es Ihnen am DJ-Pult zu eng?
Ricardo Villalobos Allein schon meiner Ohrengesundheit zuliebe muss ich mir so langsam Gedanken machen, wie ich meine Brötchen nicht nur als DJ, sondern auch als Musiker verdienen kann.

tip Und wie sind Sie ausgerechnet auf Walther Ruttmann gekommen?
Villalobos Die Idee ist im Rahmen des Time-Warp-Festivals in Mannheim entstanden, das von einer Art Kulturwoche begleitet wird. Laurent Garnier hat dort vor zwei Jahren einen französischen Stummfilm vertont, und letztes Jahr wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einen neuen Soundtrack für „Die Sinfonie der Großstadt“ zu produzieren. Da ich selbst noch nicht so lange in Berlin wohne, wollte ich das mit jemandem zusammen machen, der stärker in dieser Stadt verwurzelt ist als ich, und da habe ich zunächst den Max Loderbauer gefragt und dann den Moritz von Oswald. Mit beiden bin ich schon seit Jahren befreundet.

tip Der Film benutzt die rhythmische Montage als wichtigstes Stilmittel. Wie sind Sie an das Projekt herangegangen?
Villalobos Es gibt ja schon einen orchstralen Score zu „Sinfonie der Großstadt“. Die Originalmusik ist sehr heiter und energetisch, fast überladen, unser Soundtrack ist etwas zurückhaltender und getragener. Wir haben versucht, eine möglichst zeitlose, elektronische Musik zu machen, die auf modische Sounds verzichtet und die auf die Bilder, auf die Schnitte und vor allem auf die verschiedenen Stimmungen eingeht. Der Film komprimiert ja 24 Stunden Berlin in einer Stunde und entwickelt dabei ein unglaubliches Tempo. Wir konnten nicht Bild für Bild vorgehen, weil es zu viele Schnitte gibt, deshalb haben wir bestimmte Themen zusammengefasst, das Reinfahren nach Berlin, das Erwachen der Stadt, der Weg zur Arbeit und so weiter. Dabei haben wir darauf geachtet, die Musik nicht zu überfrachten, um dem Geschehen auf der Leinwand nicht die Schau zu stehlen. Es ging uns vielmehr darum, die Komplexität dieses Filmes zur Geltung zu bringen.

tip Der Film zeigt einen Tag im vom Schwung der Industrialisierung erfassten Berlin der 20er Jahre. Die Stadt wirkt wie ein lebendiger Organismus.
Villalobos Ja, es ist schon ein Wahnsinn, wie sich das Leben damals beschleunigt hat und wie voll die Stadt war. Der Film zeigt ja die Zeit vor der Weltwirtschaftskrise von 1929. Das Gesamtbild, das sich ergibt, ist ziemlich düster. Man sieht sehr viel von der Rückseite der Medaille. Berlin gleicht einem Ameisenhaufen. Alle rennen für sich durch die Stadt und versuchen, irgendwie zu überleben. Den meisten Leuten scheint es dre­ckig zu gehen. Da steckt eine ganze Menge Verzweiflung drin. Als wir an der Musik gearbeitet haben, waren wir überrascht, wie aktuell der Film heute noch ist.

tip Worin liegt die Aktualität des Films?
Villalobos Aus heutiger Sicht hat der Film fast etwas Geisterhaftes, weil man ja weiß, dass fast alles, was man da sieht, ein paar Jahre später zerstört wurde. Da kann man fast Angst vor der Zukunft bekommen. Auch formal gesehen ist der Film sehr aktuell. Die Montage ist unglaublich musikalisch. Wenn man so will, hat Walther Ruttmann mit diesem Film den Videoclip erfunden.

tip In Mannheim fand eure Performance in einem Kino statt, nun führen Sie die Live-Vertonung nun zum ersten Mal in einem Clubkontext auf. Könnte das nicht einen Kulturschock für die Partygäste bedeuten?
Villalobos Das glaube ich nicht. Der Film zeigt am Ende ja auch das Berliner Nachtleben aus dem Jahr 1927. Diese Szenen haben wir mit clubtauglicher Musik unterlegt, da setzen dann die Bässe ein, das wird bestimmt ein guter Übergang vom Film zur Party.

tip Auch über dieses Filmprojekt hinaus scheinen Sie ein ausgeprägtes Bedürfnis zu haben, jenseits der Clubkultur als Musiker aktiv zu werden. Vor zwei Jahren sind Sie mit dem Jitterbug Orchestra bei einer Art Swing-meets-Techno-Event im Admiralspalast aufgetreten, und schon einige Zeit davor haben Sie das Laptop-Kollektiv Narod Niki gegründet.
Villalobos Für mich – und nicht nur für mich, sondern auch für die meis­ten Leute, die sich mit elektronischer Musik beschäftigen – ist es sehr wichtig, sich neben dem Auflegen nach anderen Sachen umzuschauen, die interessant sind und die einen musikalisch weiterbringen. Electronic Jazz ist für mich ein Ansatz, mich weiterzuentwickeln. Die Sachen, die wir mit Narod Niki machen, sind völlig improvisiert. Wenn es gut läuft, ist das sehr ergiebig, aber es kann auch in die Hose gehen. Unsere Auftritte in der Volksbühne oder auch beim Jazzfestival in Montreux sind uns gelungen, im Admiralspalast lief dagegen alles schief: Es gab keine vernünftigen Monitorboxen, die Jazzband benutzte eine andere Anlage, und wir hatten vorher nicht mit denen zusammengespielt. Ein katastrophaler Abend – und das auch noch in Berlin! Das war schon peinlich.

tip Auch bei Ihren Studioproduktionen arbeiten Sie viel mit akustischen Instrumenten und machen nicht einmal vor Blasmusik halt.
Villalobos Ich mache vor gar nichts halt.

tip Stimmt es, dass Sie Straßenmusiker zu spontanen Sessions in Ihr Kreuzberger Studio einladen?

 

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Interview: Heiko Zwirner
Foto: Lars Borges

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