Kammer-Pop

Interview mit Sóley

Die Isländerin Sóley gehört zur ersten Liga junger Piano-Songwriterinnen. Brave Kitschlieder sind ihre Sache nicht

Sóley, Sie haben das letzte Album in einer Garage aufgenommen.
Ja, und das nächste auch. Nun ja, es ist aber im Grunde ein Studio, es war bloß mal eine Garage.

Da steht kein Auto drin.
Oh nein. (lacht) Dafür wäre sie auch zu klein. Acht Quadratmeter vielleicht. Die Decken hängen echt tief, höchstens zwei Meter hoch. Ein Fenster gibt es, und man kann raus in den Garten schauen. Das Meer ist bloß zwei Minuten entfernt, aber vom Haus aus sieht man es noch nicht.

Sóley
Sóley post artig fürs Artwork
Foto: Morr Music

Man sagt, kein Mensch sei eine Insel. Aber manche ja vielleicht doch.
Da ich auf Island aufgewachsen bin, hab ich früher nie darüber nachgedacht, dass ich auf einer Insel lebe. Es war einfach meine natürliche Umgebung. Dann kam ich vor zwei Jahren nach Tasmanien, südlich von Australien. Da dachte ich: Meine Güte, ich bin hier auf einer Insel – was passiert, wenn dies oder das geschieht? Dann hab ich erst gemerkt: Hey, ich lebe doch schon mein ganzes Leben lang auf einer Insel! (lacht)

Ihr Name klingt für französische Ohren nach Sonne, soleil, Sie lachen so viel. Woher kommt die Dunkelheit der Texte?
Sie ist Teil von mir. Auch wenn ich ein glücklicher Mensch bin und das Leben liebe. Aber ich leide auch unter Ängsten. Solche, über die ich meistens lieber nicht groß nachdenke. Sogar das Touren verzehrt Energie. Es ist, als ob ich mein Tagebuch öffnen würde. Ich gestehe dabei, wie ich fühle. Vielleicht bin ich da auch etwas zu sensibel, aber mich kostet das Überwindung. Zugleich ist es etwas, das ich tun muss, damit es nicht explodiert in meinem inneren Planetensystem. Ich verspreche Ihnen aber, dass das nächste Album hoffnungsvoller wird. Statt nur immer dieses Düsternis-Ding zu machen.

Lassen Sie uns trotzdem noch mal über die Düstertexte reden: Sie sprechen den Teufel an. Tote Mädchen verstecken sich auf einem Geisterschiff.  
Für mich sind das Kurzfilme. Wenn ich spiele, sehe ich sie bildlich vor mir. Farben wie im Wald oder im Meer. Die Texte fallen mir am schwersten, sie kommen meistens zuletzt. Meine nicht perfekten Englischkenntnisse helfen anderen vielleicht, sie deutlicher zu verstehen, da das Vokabular nicht super ausgefallen ist. Aber ja, die Texte sind nicht gerade Gutenachtgeschichten für kleine Kinder.

Lesen Sie sie bitte nicht Ihrer Tochter vor.
(lacht lange) Okay, versprochen.

Ist der Teufel in den Songs für Sie ein konkreter Charakter? Sie sprechen ihn als Master an.
Ich spreche auf diese Weise meine Ängste an, die so stark sein können – obwohl ich ja weiß, dass sie mich nicht steuern sollten. Manchmal habe ich Todesangst, obwohl ich weiß, dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass ich ausgerechnet in dieser Situation sterben sollte. Im neuen Album singe ich aber nicht mehr den Teufel an. Noch nicht. Es wird aber auch kein Zuckerschlecken. Eher: anzufangen aufzustehen, wenn man am Boden liegt. Sich selbst besser kennenlernen, um mit der verdammten Scheiße klarzukommen.

Stimmt Ihre kleine Tochter Sie nun optimistischer?
Das letzte Album habe ich während und kurz nach der Schwangerschaft geschrieben. Mich quälten damals viele Ängste. Verrückte Gefühle, wenn man einem Menschen das Leben gibt. Letztens in einer Januar-Nacht bin ich aufgewacht und notierte mir auf dem Handy: ‚Schreib über Hoffnung und Frühling‘. Ich vergaß es ganz, las die Notiz aber einige Tage später und dachte: Ja, so wird’s gemacht.

Sóley
Sóley im Bann der Dämonen
Foto: Ingibjörg Birgisdóttir

Und dafür haben Sie Blasinstrumente gewählt. Dabei beherrschen Sie selbst so viele Tasteninstrumente.
Ich habe viele Freunde, die Bläser spielen. In Island findet man solche Leute leicht. Für die Berlin-Show werde ich Posaune, Klarinette und Akkordeon mitbringen. Eine Big Band geradezu. (lacht) Jedenfalls die größte Band, mit der ich je gespielt habe. Wir werden dann auch schon den Großteil des noch unveröffentlichten Albums spielen. Hoffentlich kann ich das meiste davon selbst arrangieren. Oft habe ich diesen Gedanken: „Beim nächsten Album muss mir dann aber wirklich jemand helfen.“ Und letzten Endes mache ich dann doch wieder alles selbst. Vielleicht hab ich Angst davor, jemand anderem was zu zeigen. Ich weiß allerdings auch sehr genau, was ich will.

Sie haben mit dem Klavier begonnen, spielen Akkordeon, Orgel, Omnichord. Alles quasi Keyboards, aber auf den zweiten Blick doch sehr unterschiedlich zu spielen.
Das Klavier ist mein Instrument. Aber auch Akkordeon hab ich einige Jahre lang rauf und runter gespielt. Ich würde gerne ein ganze Akkordeon-Album rausbringen. Mal schauen, welches Label so was mitmacht. (lacht) Ich finde es nicht so wichtig, auf einem einzigen Instrument aberwitzig gut zu sein. Ich spiele auch Gitarre und wäre gerne deutlich besser auf dem Bass. Vielleicht sollte ich mal üben.

Sie sind trotz Ängsten keine absolute Einzelgängerin, Sie haben eine Familie und auch eine Band.
Die Band liegt auf Eis. Obwohl ich niemals sagen würde, dass wir uns aufgelöst hätten. Bands lösen sich, glaube ich, niemals wirklich auf. Aber mein Solo-Projekt nimmt all meine Zeit ein. Ich hätte aber gerne Zeit dazu, in einer Band nur zu schreien, ohne mich auf jedes Detail zu konzentrieren. Ganz ehrlich: Wenn ich auf einem fremden Konzert bin und jemandem die Stimme in einem Moment wegbricht oder so was, ist das genau das Authentische, was ich hören will. Aber wenn mir selbst so was passiert, zieht es mich total runter. Meine Selbstzweifel sind wohl mein größter Feind. Am liebsten würde ich in einer Band bloß tanzen oder Background-Vocals singen. (lacht)

Ihre Musik hat was von Joanna Newsom, der Anti-Folk-Harfenistin aus den USA.
Sie ist einer von zwei Gründen, warum ich damit angefangen habe, ernsthaft Musik zu machen. Endlich hatte ich 2005 etwas gehört, dass anders klang. Ein bisschen übernatürlich. Deshalb ging ich an die Kunstakademie, um Komposition zu studieren. Ich würde nie sagen, dass ich eine Sängerin bin. Eher Musikerin. Vor zehn Jahren hätte ich mich über den Begriff sogar lustig gemacht: „eine Sängerin“.  Das war nicht mein Plan.

Sóley
Sóley mag es gespenstisch
Foto: Morr Music

Sie hören auch ganz andere Genres, Hip-Hop etwa.
Ich liebe psychedelische Musik aus Afrika. Und Jazz. Die Band „The Roots“ mag ich sehr und die „Vaginaboys“. Alles, was nicht Radio-Mainstream ist. Von so was wird mir ganz körperlich schlecht. Mein Freund liebt Hardcore-Noise. Das ist doch eine schöne Sache, dass er dazu wirklich meditieren kann. Nach einem ganzen Tag Musik brauche ich aber Stille. Wir haben verlernt, der Stille zuzuhören.

Weil wir aber auch den Klang brauchen: Wann kommt das nächste Album?
Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Meine Plattenfirma weiß noch gar nicht, wie weit es schon ist. Mit dem Komponieren bin ich fast fertig. Wenn alles gut läuft, können wir es 2017 rausbringen. Frühling oder Sommer.

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