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Interview mit Stromae

Stromae wurde in Frankreich zum Hyperstar. "Alors on danse" (2009) und "Papaoutai" (2013) waren auch hierzulande Megahits. Ein Gespräch mit dem 29-jährigen Belgier über den Überdruss an Partys, HipHop-Blingbling und Beatboxen auf "Carmen".

Interview mit Stromae


tip Wann ziehen Sie Ihr Markenzeichen, die Fliege, an und wann wieder aus, Monsieur Stromae?
Stromae Früher hab ich sie auch auf der Straße getragen. Seit dem ersten Album ist das anders: Stromae ist der Kerl mit der Fliege, eher ein Charakter als ich selbst. Ich trag die Fliege nur noch auf der Bühne. Ich will auch nicht der aufdringliche Kerl sein, der erkannt werden will. Aber vielleicht ist es gar nicht gut, das so zu trennen.

tip 6,5 Millionen Facebook-Fans. Möchten Sie sich manchmal verstecken?
Stromae Natürlich, manchmal schon. Ich möchte auf der Bühne singen und dass Menschen meine Musik hören. Zugleich bin ich so schüchtern. Das ist paradox. Wenn mich Leute ansprechen, bin ich manchmal so zurückhaltend, dass sie mich für verärgert halten. Wenn ich zu ermattet bin, trag ich was Schwarzes oder einen Hoody. Das kommt aber zurzeit selten vor.

tip Können Sie noch im Club tanzen?
Stromae Wir tun das nicht so oft, sodass es mir besonders viel Spaß macht. Auf der Bühne hab ich feste Choreografien. Im Club kann ich so tanzen, wie ich will. Auch mal völlig schräg.

tip Zu welcher Musik gehen Sie dann ab?
Stromae HipHop, Dance, kongolesische und nigerianische Musik.

tip Viele Ihrer Songs sind sehr tanzbar, aber traurig.
Stromae Ich tanze liebend gerne, liebe den Groove, denke aber auch gerne über Musik nach. Für mich ist es naheliegend, dass meine Songs das in sich vereinen. Ich hasse es, wenn man von Musik nichts lernen kann. Typische Club-Musik setzt auf die ewig gleichen Texte. Ich möchte über das wirkliche Leben reden – nicht über Clubbing und Champagner, nackte Frauen. Das ist nicht mein Leben. (lacht) Eigentlich das Leben von niemandem. Oder höchstens von zehn Menschen auf der Welt.

tip Im Song „Sommeil“ geht es auch um den Überdruss an Partys.
Stromae Der Song richtet sich an einen Typen, der in Clubs lebt statt im wahren Leben. Ein Freund, dem man sagen will: Hör auf mit dem Fake! Ich weiß doch, dass es dir nicht gut geht.

tip Wie trennen Sie die Songs von sich selbst?
Stromae Das geht leicht, höchstens 20 Prozent sind privat. Mehr wäre nicht spannend. Meine Per­spektive ist vielleicht interessant, aber nicht mein Leben. Mein Job ist schon egozentrisch genug. (lacht) Na gut, bei „Papaoutai“ war es schwierig. Meine erste Version war ex­trem düster. Die würde Ihnen nicht gefallen.

tip Wie starten Sie beim Songwriting – mit dem Beat, der Melodie, einer Textnotiz?
Stromae Meistens mit der Melodie und Worten. Dann fang ich an, ernsthaft zu schreiben, eine Geschichte zu erzählen, mit Klimax und Ende. Zugleich versuch ich, spontan zu bleiben. Dann zeige ich es meinen Freunden, auch Musikern, meiner Freundin, meiner Mutter. Wenn alle „okay“ sagen, ist der Track fertig. Manchmal höre ich auch nicht auf sie.

tip Wie kamen Sie auf die Idee, Bizets „Carmen“ in Ihren gleich­namigen Song einzubauen?
Stromae „Carmen“ hab ich mit meiner Ex­freundin entdeckt. Ich hab drauf gebeatboxt. Dann noch bisschen Snare. Naheliegend für mich. Es ging mir um Liebe und die heute so dominante Selbstliebe.

tip Sie kommen vom HipHop.
Stromae Anfangs imitierte ich nur, kritisierte aber auch das HipHop-Bling-Bling. Dann wollte ich was Produktiveres tun, hatte aber Angst, ins Klischee zu driften, wenn ich etwa über Liebe singe. Ich dachte, alles wäre Klischee. Aber es liegt ja an der Art, wie man darüber singt, nicht am Thema selbst.

tip Sie kritisieren das Bling-Bling, aber tragen selbst High Fashion.
Stromae Stimmt, aber das ist meine Version Bling-Bling (lacht). Ich versuche nicht reich zu wirken, sondern glaube an mein Design, auf das ich stolz bin. Kleidung ist noch mal eine andere Art, mich auszudrücken. Die Fashion-Designerin Coralie Barbier arbeitet mit mir zusammen. Sie ist der Profi, ich nur der Crazy Guy mit Ideen (lacht).

Interview: Stefan Hochgesand

Columbiahalle Columbiadamm 13-21, Tempelhof, So 7.12., 20 Uhr, VVK: 37 Euro zzgl. Gebühr

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