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Interview mit Wolfgang Müller – 60 Daten zum 60. Geburtstag – Teil 2

21. 1987 (750-Jahr-Feier Berlins)

Schreckliches Jahr! Da dachte ich wirklich, Westberlin ist scheintot, hier halte ich es nicht mehr aus. Da hat der Muff mich endlich eingeholt, man hat kaum noch Luft gekriegt. Dabei kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Die Tödliche Doris stand auf der offiziellen Künstlerliste der documenta 8, es gab Einladungen vom MoMa in New York, nach Japan, in die Schweiz, nach Ungarn und Polen. 1987 war aber trotzdem ein toter Punkt.

22. 12. Juni 1987 (documenta 8)

Die Einladung war schon eine Bestätigung, mehr Erfolg geht in diesem Bereich nicht, als einer von weltweit vierhundert ausgewählten Künstlern zu sein. Mit dem Konzept der „Unsichtbaren LP“ löste sich 1987 der Musikträger, das Vinyl auf und mit der Auflösung der Tödlichen Doris in eine Weinmarke gab ich ihr den Rest. Oder man singt noch nach Jahrzehnten immer wieder den gleichen alten Kram, nur in anderen Varianten. Gruselige Vorstellung.

23. 1987 Auflösung Tödliche Doris

Während der documenta 8 kamen nämlich erste Galeristen auf uns zu. Sie wollten von den frischgekürten Meisterschülern Prof. Ramsbotts wissen, wie viele Bilder sie denn potentiell pro Monat abliefern könnten. Darauf hatten weder Nikolaus noch ich Bock. Das sollte man aber, will man unbedingt zur kommerziell arbeitenden Galerienwelt gehören. Und für viele Kunststudenten ist das sicher ein Traum: Gleich nach dem Studium winkt der 5-Jahres Vertrag mit einer Galerie. Bei meiner künstlerischen Praxis funktioniert das aber gar nicht. Ich mache heute ein Hörspiel, morgen eine Zeichnung, übermorgen Musik oder auch gar nichts. Deshalb war es für mich befreiend, zunächst diesen Kumpelnest-Job zu bekommen. Mit einigen anderen HdK-Absolventen stand ich seit dem Tag der Eröffnung, dem 1. Mai 1987 einige Jahre hinter dem Tresen. Dort flossen noch einmal alle Musikfragmente zusammen. Es wurden Can, Sex Pistols, Throbbing Gristle, Ernst Busch und Hildegard Knef querbeet gespielt. Chris Dreier, die erste Frau in der Tödlichen Doris, kellnerte da auch, bevor sie mit einem Zirkus auf Tour ging und später Hummerfischerin in Schottland wurde. Das Risiko schloss 1986, das Publikum teilte sich auf: Die, die etwas queerer waren, sind ins Kumpelnest 3000 gegangen, die anderen zogen die rauere Atmosphäre des Ex’n Pop vor.

24. 1987 (Mitwirkung an Jörg Buttgereits Splatterfilm „Nekromantik“)

Queer hat mit den Kategorisierungen straight oder gay nur bedingt was zu tun. Es geht um das Hinterfragen von Stereotypen und Klischees. Jörg Buttgereit überrascht mich immer wieder aufs Neue, weil er einfach eine spezielle Linie hat, die er charmant und konsequent durchzieht. Klar bin ich stolz in „Nekromantik“ mitgespielt zu haben. Ich schätze sehr, was er macht: Jörg Buttgereit ist superqueer.

Szenenbild mit Wolfgang Müller aus „Nekromantik“ (Regie: Jörg Buttgereit)

25. 1. Mai 1987 (Bolle brennt in Kreuzberg)

Der Brandstifter war ein gewöhnlicher Pyromane. Er hat einfach die Chance genutzt, etwas anzuzünden. Daraus wird dann bis heute ein revolutionärer Akt gemacht. Ich war zwar nie aktiver Hausbesetzer, aber immer solidarisch und bin bei Demos mitgegangen, weil ich die Anliegen berechtigt fand und finde, wie jetzt auch Kotti & Co. Für einen mit Kohleofen beheizbaren Kellerraum im besetzten Haus Manteuffelstraße 40-41 zahlte ich 1987 monatlich hundert Mark Miete. Dort betrieb ich mit meinen damaligen Freund Ueli Etter die Einjahr-Galerie ‚Eisenbahnstraße‘. Das besetzte Haus nannte sich Bauhof. Darüber lebten viele engagierte Menschen. Aber ein hoher idealistischer Anspruch mit gemeinschaftlichem Kochen und absoluter Gleichberechtigung verdeckt natürlich auch leicht die vorhandenen Hierarchien, den Egoismus Einzelner, die bösen Ränke, die hinter der kollektiven Fassade gedeihen können. Klaus Theuerkauf von der Kreuzberger Galerie endart sagte mir kürzlich, dass es Besetzer gab, die bei Räumungsgefahr als allererstes ihr persönliches Mobiliar im Privat-PKW in Sicherheit brachten – während anderen Besetzern das Kollektive tatsächlich viel wichtiger war – die haben dann wohl leider Pech gehabt.

26. 1988 (Mitwirkung an Heinz Emigholz‘ Film „Der zynische Körper“)

Da wurde ich Schauspieler und hab ein wenig Geld damit verdient.

27. 9. November 1989 (Mauerfall)

Alle gehen in den Westen und ich gehe in den Osten. Die Schabowski-Pressekonferenz sah ich im Fernsehen, dachte: Hä? -bin dann raus, zum Kumpelnest und redete mit den Leuten. Jemand sagte, dass die Mauer an der Bornholmer Straße offen sei und dann ging ich mit einer Schweizerin, die zufällig auch im Lokal war, geradewegs in den Osten. Ohne Ausweis. Irgendwann stehen wir dann auf einer grauen, menschenleeren Straße mitten in Ost-Berlin und bekommen Panik. Vielleicht kommen jetzt die Russen mit Panzern? Irre. Dann sind wir wieder schnell zurück über die Grenze, ohne kontrolliert zu werden.

28. 1990 (Ost-Berlin)

Zuerst fand ich es natürlich gut, dass sich etwas völlig verändert, das nun hier niemandem mehr vorgeschrieben wird, wann und wohin er oder sie sich zu bewegen hat. Von der Nachwende-Euphorie habe ich auch etwas mitbekommen, einige der neuen Clubs besucht, den Frisör, der WMF, der Eimer im Ostteil, die Volksbühne. Aber eigentlich habe ich mich in dem Moment als die Mauer aufging und Westberlin keine Insel mehr war, stärker auf eine andere Insel konzentriert. Das war Island. Die Isländer fuhren nämlich ganz entspannt und ideologiefrei mit aus dem Osten importierten Trabants, Skodas und Wartburgs auf ihren Straßen – und zwar schon immer. Das gefiel mir.

29. 1990 (Love Parade)

Das habe ich eher am Rande mitbekommen. Jeder Bewegung muss man nicht hinterherdackeln. Ich fand beispielsweise Rainald Götz da komisch deplatziert, etwas zu alt. Es ging um Musik und um Entpolitisierung, der Hedonismus der nachfolgenden Generation. Als dann bei der Love Parade 1999 Berlins Regierender Bürgermeister Diepgen auf dem Wagen der Jungen Union fröhlich mitwippte, war alles klar. Dieses explizit Nicht-Politische „Friede, Freude, Party“ nach dem Ende der DDR konnte ich zwar verstehen, aber dass es total naiv ist, irgendwann die Party vorbei und der Kapitalismus sein hässliches Gesicht umso unverblümter zeigt, ist inzwischen auch den meisten klar.

30. 1990 (Island)

Als Kind und Jugendlicher habe ich extrem viel gelesen, so gesehen war die Langeweile in Wolfsburg perfekt, man hatte unheimlich viel Zeit, es gab kaum Ablenkung. Da habe ich etwas über Island erfahren, im Bilderbuch „Alle Wunder dieser Welt“. Island wurde    zu meinem persönlichen Sehnsuchtstort. 1991 bekam ich dann tatsächlich eine Einladung nach Reykjavík vom Fluxus-Künstler Magnús Pálsson, einem Künstlerkollegen und Freund Dieter Roths. Ich bin häufig in Island. Dort werde ich Freunden Úlfur Hródólfsson genannt.

31. 1991 (Buch: „Die Tödliche Doris Band I“, (Hrsg.), Verlag Martin Schmitz 1991)

Für die Historisierung war gerade diese Zeit besonders günstig, weil Anfang der Neunziger die Tödliche Doris vollkommen Out war. Ich hatte also genug Freizeit, einige ihrer interessantesten Konzepte, Clips, ihre Musik, Videos und Filme zu sichern. Der die Künstlergruppe nach der documenta-Teilnahme vertretende Berliner Galerist engagierte sich inzwischen unter seinem weiblichen Künstlerpseudonym zunehmend für seine eigene Kunst. Das ist auch logisch, wenn man nie genug Geld hat, um seine Künstler zu bezahlen. Nachdem aber 2012 mein philo-Buch „Subkultur Westberlin 1979 – 1989“ zum Hit wurde, tauchte nach 25 Jahren Abwesenheit Die Tödliche Doris plötzlich wieder auf seiner Künstlerliste auf. Das nennt man wohl Erfolg.

32. 1992 (Nan Goldin)

Nan war Anfang der Achtziger häufig in Westberlin, sie hat einige Zeichnungen von mir gekauft und wir haben 1992 zusammen die Ausstellung „Blue Tit“ (Blaumeise) gemacht. In den frühen Achtzigern hat sie viele Freunde und Freundinnen von mir fotografiert, Reinhard Wilhelmi, Tom Kummer, Chris Dreier, Kiki Smith und John Heys. Ihr Foto mit den nackt im besetzen Haus herumspielenden kleinen Kindern von Käthe, Edda und Klara Kruse-Rosset wurde 2007 als angebliche Kinderpornografie in England beschlagnahmt. Absurd. Durch das Thema „Blaumeise“ entstand plötzlich die Möglichkeit, dass ich ausnahmsweise nicht allein biografisches Objekt ihrer Fotos bin, sondern wir auch mal künstlerisch gemeinsam umsetzen. Ausgangspunkt dabei war ein Artikel, der unter meinem Pseudonym Claudia Schandt in der „taz“ erschienen war und bei Nan Lachkrämpfe auslöste. Darin hieß es, der verarmte ex-Kunststudent Wolfgang Müller würde in Kreuzberg Blaumeisen als Nebenjob züchten, um die Jungvögel als Delikatesse an italienische Feinschmeckerrestaurants zu verkaufen. Der Text löste eine Kettenreaktion aus. Ich erhielt Drohanrufe und Strafanzeigen von Tierschützern. Die Artenschutz-Abteilung der Kripo ermittelte. Denen musste ich dann erklären, dass es sich um eine von mir selbst unter Pseudonym verfasste Satire handelt. Pastor Fliege lud mich in seine Talkshow ein – als Medienopfer. Nan fotografierte ausgestopfte Blaumeisen in Österreich, eine Steiff-Blaumeise auf Essgeschirr in New York und ich stellte Riesenkiesel einer isländischen Grabsteinmanufaktur mit eingravierten Meisen aus. Viele Galeriebesucher waren enttäuscht: sie hatten Fotos mit Transvestiten, Junkies und melancholischen Menschen erwartet – keine ausgestopften Blaumeisen und isländischen Grabsteine.

Wolfgang und Freund Matthias Mergl, Foto: Nan Goldin 1994/ Archiv Wolfgang Müller

33. September 1994 (Wiederwahl von Helmut Kohl)

Oh Gott. Da dachte ich, das geht jetzt immer so weiter.

34. 7. März 1997 (Martin Kippenberger stirbt)

Tabea Blumenschein hat irgendwann mal ihre drei großen Kippenberger-Bilder in den Müll geworfen. Die wären heute sicher viel wert. Aber das interessiert sie überhaupt nicht. Sie brauchte halt den Platz. Die Anti-pc-Kunst von Kippenberger finde ich mal so, mal so. Sein „Floss der Medusa“ ist allerdings großartig.

35. 24. Oktober 1997 (40. Geburtstag)

Ich habe eigene Geburtstage kaum gefeiert, bin aber immer brav auf die Geburtstagspartys von Françoise Cactus gegangen. Ich liebe Françoise – aber es ist immer etwas anstrengend, weil sie darauf besteht, dass sich alle Gäste nach einem von ihr streng vorgegebenen Thema kostümieren. Beispielsweise als Blume oder als Franzose kommen. Am besten fand ich ihr Geburtstagsmotto „Komm als etwas, was mit einem „F“ anfängt.“ Da erschien ich einfach als Follidiot.

36. 1998 (Privates Goethe-Institut)

Dieses performative „Institut“ wuchs langsam in die Realität rein. Im März 2001 eröffnete der isländische Botschafter Ingimundur Sigfússon mit einer Rede eine Zweigstelle des Goethe-Instituts Reykjavík im Frisörladen BEIGE in Berlin. Mitte In Island lud mich schon 1994 der Präsident Ólafur R. Grímsson zum Interview über das Treffen Reagan – Gorbatschow, Elfen, Zwerge und Trolle in sein Privathaus ein. Die Isländer verstanden meine performativen Aktionen schnell. Also: nach der Schließung des staatlichen Goethe-Instituts, eröffnet ein größenwahnsinniger deutscher Islandfanatiker sein privates Goethe-Institut in Reykjavik und sogar eine Zweigstelle davon bei einem Frisör in Berlin Mitte und ernennt sich dreist zu dessen Direktor. Nach drei Jahren platzte der Rechtsabteilung der Kragen. Sie verbot mir bei jeweils 10.000 DM Strafe das Verwenden ihres gespiegelten Logos und die öffentliche Behauptung, ich sei „Leiter des Goethe-Institut Reykjavík“. Ich mag keinen Streit. Meine Performance nennt sich seit 2001 deshalb „Walther von Goethe Foundation“. Ich bin jetzt Präsident dieser Foundation. In Island ist die Trennung zwischen Kunst und Leben, Künstler und Nichtkünstler, Amateur und Dilettant kaum so strikt durchsetzbar wie in Deutschland. Wenn also jemand in Island behauptet, er sei der Leiter eines geschlossenen Goethe-Instituts, oder ein Elfenmedium und unterrichte Elfenkunde, dann könnte er oder sie das sein.

Wolfgang Müller mit Raketeneis, Mödruvellir, Island 1995. Foto: Matthias Mergl/ Archiv Wolfgang Müller

37. 8. Januar 1998 (50. Todestag von Kurt Schwitters)

Zum 100. Geburtstag von Kurt Schwitters inszenierte ich 1987 in Hans Hütts Radio 100-Sendung eine Gedenkminute. Schwitters wurde achtzig Kilometer entfernt von meinem Geburtsort Wolfsburg geboren, einer Stadt, die damals gar nicht existierte. Neben dem ebenfalls in Hannover gebürtigen Dieter Roth langweilt mich dessen Kunst bis heute kein bisschen: Überall doppelte Böden, Unendlichkeit und liebenswerte Verzweiflung. Schwitters hat viele Nebenjobs gemacht. Er war beispielsweise Grafiker für die Stadtverwaltung in Hannover, um seine Merz-Kunst gleichzeitig beharrlich und jenseits der Interessen des Kunstmarkts entwickeln zu können.

38. 5. Juni 1998 (Dieter Roth stirbt)

Ein paarmal habe ich Roth noch zu Lebzeiten gesehen, zb. beim Aufbau seiner beeindruckenden Ausstellung in der Wiener Secession, aber ich habe nie persönlich mit ihm zu tun gehabt. Nach seinem Tod sprach ich mal kurz mit seinem Sohn Björn, weil ich eine Hörspielhommage mit Texten aus seinem Buch „Typische Scheiße“ für BR 2 produzierte. Dabei trug ich befreundeten Popmusikern wie Andreas Dorau, Can Oral und Stereo Total an, Roths Scheiße-Texte zu vertonen. Die waren allesamt begeistert von Roths punkiger Sprachvirtuosität. Roth soll ja in Gesellschaft manchmal ein echter Polterjochen gewesen sein. Er beschrieb eine Begegnung mit Günter Grass 1962, wo er den neuen deutschen Schriftstellerstar angeknurrt habe: „Na, was bist Du denn für einer?“ Später hat Roth dessen Besteller „Blechtrommel“ zerkleinert, gewürzt und daraus Literaturwürste gemacht.

39. Oktober 1998 (Rot-Grüne-Koalition)

Ich war erst guter Hoffnung, am Ende war es dann doch eine herbe Enttäuschung: Krieg, Hartz-4, Privatisierung des Sozialen und so weiter. Politik ist eigentlich erst einmal nicht mehr als Verwaltung. Politiker sollen dafür sorgen, dass Wasser und Essen sauber bleiben. Und jeder Mensch genug zum Essen hat, eine Wohnung, zur Schule oder Uni gehen kann, nicht betteln, sich nicht Kaputtmalochen oder auf der Straße leben muss. Diese Banalität gilt seit 1990 als unrealistisch, als kommunistische Utopie. Grotesk! Beuys hat bei den Grünen sehr früh bemerkt, dass die sich auf dem gleichen Weg befinden wie all die anderen Parteien. Mein langjähriger Freund Matthias Mergl hat bereits 2011 die uns derzeit erwartende schwarz-gelb-grüne-Koalition in seinem unrast-Verlagsbuch „Der Terror der Selbstverständlichkeit“ vorweggenommen und dafür eigens passend den monströsen Begriff „Neo-Individualliberalismus“ erfunden.

40. 31. Dezember 1999

Ich bin damals, 1987, auch sehr dafür gewesen, dass das Kumpelnest 3000 heißt und nicht 2000. 2000 war schon zu nah, es gab bereits Blume 2000, Video 2000 und sowas.

Lesen Sie den ersten Teil des Konzept-Interviews mit Wolfgang Müller.

Lesen Sie den dritten Teil des Konzept-Interviews mit Wolfgang Müller.

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