Musik & Party in Berlin

Interview mit Zugezogen Maskulin

Sie gelten als das nächste große Ding der hiesigen HipHop-Szene. Anlässlich des ?Erscheinens ihres Albums "Alles brennt" sprachen wir mit Zugezogen Maskulin über ?Political Correctness, scheinheilige Hater und ihre Hassliebe zum Deutsch-Rap

Zugezogen Maskulin

Als Grim104 und Testo im Jahr 2010 das Rap-Game betreten, positionieren sie sich zunächst als Lobbyisten eines beliebten Berliner Hass­objekts: des bösen Zugezogenen. In Anspielung auf die Großstadt-Chauvinisten Fler und Godsilla – eine Zeit lang als Süd­berlin ­Maskulin unterwegs – geben sie sich den Namen Zugezogen Maskulin und wettern mit rotzigen, ironisch überspitzten Lyrics gegen die Eigen­arten der Rap-Szene. In den darauffolgenden Tracks lassen ZM die Selbst­referentialität hinter sich, um sich statt­dessen mit weit­reichenderen, gesellschaftskritischen Themen auseinanderzusetzen. Vor allem der Grim104-Track „Crystal Meth in Brandenburg“ findet durch seine schonungs­losen Lyrics starke Beachtung. Am 13. Februar erscheint die neue Platte „Alles brennt“ (Buback Tonträger).

tip Wenn wir Ghetto-Rap und Spaß-Rap als die zwei großen Gegenpole des Deutsch-Rap nehmen, wo würdet ihr euch da ansiedeln?
Testo Wenn man das so definiert, dass Spaß-Rap der Mittelstands-Rap ist, bei dem es nur um gute Laune geht, und Ghetto-Rap der ist, der auch ein bisschen politisch ist, dann würden wir uns in der Mitte verorten, weil wir schon aus der Mitte der Gesellschaft stammen, aber trotzdem nicht die Augen verschließen vor den Problemen da draußen.

tip Von eurer Attitüde und eurem Vokabular her würde ich euch einen Tick näher zu Ghetto-Rap schieben. Von politisch korrektem Rap haltet ihr ja offenbar nichts.
testo?Das sind zwar Menschen, die Gutes wollen und gute Ansichten haben, aber es entertaint halt nicht.
grim104 Und politisch korrekter Rap hat eben auch das Problem, gar nicht über Miss­stände berichten zu können. Political Correctness in Deutschland bedeutet, heikle Themen zu ignorieren.
Testo Andererseits: Wenn es nur darum geht, Grenzen aufzubrechen und ohne Sinn und Verstand zu provozieren oder so eine dumme Form von schwarzem Humor zu propagieren, dann finden wir das auch scheiße.

tip Ihr scheint nicht gerade begeistert von euren Kollegen. Ein bekanntes Popkultur-Magazin prophezeite ja auch: „Zugezogen Maskulin werden den Deutsch-Rap endgültig zerstören.“ Ist das der Plan?
Testo Im Deutsch-Rap ist vieles scheiße und das kann man auch getrost kaputt­machen. Trotzdem fühlen wir uns dazu­gehörig. Mir passt es nicht, wenn Leute sagen: Endlich wird der stumpfe Hauptschüler-Rap von klugen Rappern zerstört. Das ist total überheblich! Man spricht ihnen damit ab, Rap auch als Stimme nutzen zu können.

tip Trotzdem kritisiert ihr die deutsche Rap-Szene in euren Texten ja nicht zu knapp.
grim104?Deutsch-Rap ist eben auch nur ein Abbild der deutschen Gesellschaft mit all ihren Dummheiten …
Testo?… latente Misogynie und Homo­phobie zum Beispiel. Und dann zeigen alle auf die dummen Rapper und sagen: „Hey, guck mal, wie die sich verhalten!“ Ich finde solche Kritik total scheinheilig.

tip Es ist nicht ganz einfach, aus euch schlau zu werden. Einerseits disst ihr Deutsch-Rap, dann disst ihr seine Disser. Auch bei den Lyrics ist es schwer, eine Haltung abzulesen. Ist das Absicht?
grim104 Die Sachen, die konkret sein sollen, sind es eigentlich auch. Wir sind nicht bewusst rätselhaft.
Testo Wir werden aber ziemlich oft falsch verstanden. Das stimmt schon. Letztes Jahr sind wir mit „Endlich wieder Krieg“ auf einem Festival in Hamburg aufgetreten und danach haben sich Besucher beim Veranstalter beschwert, was da für eine Nazi-Band gespielt hätte. Aber was soll man machen? Wir können unsere Songs ja nicht wie ein Kinderbuch aufziehen, damit es auch jeder Voll­idiot versteht.

tip Wie sieht es bei den Text­analysen der Feuilletons aus? Neigen die stattdessen zur Überinterpretation?
grim104 Überinterpretationen passieren überall. Das macht der „RapHead“ genauso. Durch den Filter, durch den man die Musik hört, interpretiert man sie eben auch. Es gibt eine Webseite, die heißt Rapgenius. Da werden die Bedeutungen von Rap-Tracks de­chiffriert. Wenn man sich da die Interpretationen der eigenen Songs durchliest, denkt man so: „Cool, wusste ich gar nicht.“ Das ist wie bei einer Traum­analyse.

tip Korrigiert ihr die Leute, wenn sie komplett daneben­liegen?
grim104?Ich mach das tatsächlich manchmal. Wenn sich Leute total vergaloppieren, dann hinterlasse ich versteckte Hinweise. Also, wenn ihr bei Rapgenius auf jemanden stoßt, der immer alles kleinschreibt und dessen Namen mit einem Punkt beginnt: Das bin ich! (lacht)

Interview:
Henrike Möller

Foto: Philipp Gladsome

Zugezogen Maskulin „Alles brennt“ (Buback)

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