Kino & Film in Berlin

Stefan Kolbe und Chris Wright über ihren Film „Pfarrer“

Stefan Kolbe und Chris Wright, Absolventen der HFF Potsdam, zählen zu den profiliertesten Dokumentarfilmemachern des Landes. In "Pfarrer" beobachten sie protestantische Anwärter auf ein geistliches Amt

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Sensible Beobachter, die sich nicht hinter der Kamera verstecken: Stefan Kolbe und Chris Wright. Foto: Harry Schnitger

Sie nennen Ihre Art des Dokumentarfilms „Beziehungsfilm“ oder „Nahfilm“.
Stefan Kolbe: Das hat viel mit unseren eigenen Bedürfnissen zu tun – ganz persönlich.

Welchen Bedürfnissen?
Chris Wright: Neugier. Ein guter Dokumentarfilm kann einen hinbringen, wo man sonst im Leben nie hinkommen würde, in Milieus eintauchen lassen und Menschen kennenlernen, denen man sonst nicht begegnen würde. Wenn man das für einen Zuschauer erlebbar machen will, dann muss man sehr nah ran und sich auch selbst richtig in die Situation hineinbegeben.

In den Interviews in „Pfarrer“ entsteht zwischen Ihnen und einigen der Vikare, die Sie am Ende ihrer Ausbildung beobachten, eine besondere Art von Nähe. Dadurch verändert sich auch etwas innerhalb Ihrer eigenen Wahrnehmung. Die professionelle Situation wird erweitert.
Wright: Wir sind Katalysatoren, zwei atheistisch Außenstehende, die keine Innenperspektive auf die Religion haben. Dadurch forcieren sich andere Fragen. Ich habe mich immer heftig in die Debatten der Vikare eingemischt, einfach aus einem inneren Drang. Es gibt ja auch eine Szene, wo das eskaliert …

… in der Sie aktives Gegenüber einer Diskussion über die Religion werden.
Wright: Genau. Es sollte in dem Seminar an dem Tag darum gehen, dass sie mit „echten Fragen“ von außen konfrontiert werden. Und ich habe gemerkt, dass sie die selber nicht stellen können, weil sie alle diese Innenperspektive haben. Deswegen musste ich da den Rahmen ein bisschen sprengen. Nachfragen ist unser Beruf.

Kolbe: Diese besonderen Momente interessieren uns. Wie die dann ausfallen, das ist völlig individuell und abhängig von den Protagonisten. Es gibt manchmal so autonome Elemente, bei denen man selber dann dasteht und denkt: Wow, was ist denn das jetzt!

Der Film ist unterteilt in Kapitel, die sich an Praktiken der Kirche orientieren, er stellt dar, was professionell in der Pfarrerausbildung geschieht: theologische Diskussionen, Gesangsunterricht, das Verfassen und Halten von Predigten, das Abendmahl. Das strukturiert den Film einerseits, andererseits kommen durch die Montage auch immer wieder destabilisierende Elemente in den Film hinein.
Wright: Ich finde es spannend, sowohl mit vermeintlicher Authentizität als auch mit einer hohen Künstlichkeit zu arbeiten. Es geht darum, die Wahrheit, die in diesen Begegnungen passiert, filmisch zu vermitteln. Manchmal kann das durch die fragmentierte Montage kommen. Wenn diese Momente entstehen, in denen die Leute sich uns öffnen, soll der Zuschauer voll dabei sein.

Auch der Ort des Seminars, die Lutherstadt Wittenberg, hat in dem Film eine ungewöhnliche Präsenz.
Wright: Wenn man die ganze Zeit eine emotionale Dichte in den Beziehungen hat, dann müssen auch die Bilder dazwischen etwas Besonderes haben. Das sind nicht die touristischen, beschreibenden Bilder, sondern eher Randbilder, bei denen wir hingucken, wo man in Wittenberg normalerweise nicht hingucken würde.

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Wer Segen spenden will, braucht einen langen Atem: ein Anwärter auf das Amt des protestantischen Pfarres bei der Weiterleitung göttlichen Wollens.Foto: Salzgeber

Als explizite Atheisten begeben Sie sich in ein religiöses Feld und suchen die Reibung mit den Christen. Dennoch ist da keine bekehrerische Energie, weder von Ihrer Seite noch von der der angehenden Pfarrer.
Kolbe: Für uns ist spannend, wie selbst die Pfarrer den Begriff Glauben für sich aufbohren. Was kann Glauben sein? Einer sagt irgendwann, er könne Gott nicht nicht denken. Das hat mir sehr geholfen. Es geht bei diesen Glaubensdiskussionen ja gar nicht nur ums Christentum, sondern um Sehnsüchte, Bedürfnisse, um einen Bereich, den man über den Verstand nicht fassen kann. Noch in der DDR, vor 1989, war ich durch die Kirche Menschen begegnet, die für mich wichtig wurden. Aus dieser Zeit heraus ist Kirche für mich sehr positiv konnotiert. Danach hatte das aber bei mir völlig seine Funktion verloren. Diese ganz besonderen Pfarrertypen aus dieser Zeit, die sind wie weg. In Wittenberg haben wir wieder welche gefunden.

Was zeichnet die aus?
Kolbe: Eindeutig die Suche! Etwas wollen, nicht borniert im Kopf sein, Fragen an den Glauben stellen, sodass ich nicht ständig das Gefühl der Missionierung, der Glaubensüberredung habe.

Wright: Man fragt sich, wie die Zukunft für diese Leute heutzutage aussieht. Gerade in Ostdeutschland, das ist ja momentan die ungläubigste Ecke ganz Europas. Da hinzukommen und zu sagen: Ich will für die Menschen da sein, ich will sie auf einer Suche begleiten, die auch über diese Glaubensfragen hinausgeht und wo ich bereit bin, Menschen zu begleiten, jenseits davon, ob ich sie an biblischen Wahrheiten festlegen muss. Dass man einfach sagt, man kann eine soziale, eine seelsorgerische Funktion anbieten – das ist für mich die Stärke der Kirche. Aber die suchenden jungen Leute gehen ja gar nicht mehr in die Kirche. Wer geht noch in die Kirche? Das sind vielleicht zehn Frauen, die um die 70 sind …

… was ja auch in „Pfarrer“ gezeigt wird.
Wright: Werden diese jungen Menschen das überstehen? Werden sie glauben, dass sie weiterhin relevant sind für die Welt? Das ist spannend, wie es da weitergeht.

Weiterlesen: Filmkritik und Trailer zu „Pfarrer“

Haben Sie bestimmte Wünsche, was der Film auslösen könnte?
Wright: Es geht um eine Debatte mit der Außenwelt. Der Atheismus, der Vernunftglaube, der kann ja auch eine Ersatzreligion sein – nehmen wir nur Richard Dawkins und seine Anhänger, dieses fanatische Missionierenwollen durch Vernunft. Es geht darum, dass die Grenzen zwischen Glaube und Vernunft manchmal sehr fließend sind.

Mir kam der Film vor wie ein Raum der Reflexion, der Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Das soll nicht aufhören, es soll sich nicht entscheiden.
Kolbe: Ja, da sind wir wieder bei unseren Bedürfnissen. Wir wollen etwas aufwühlen.
WRIGHT Es geht uns immer um das Verhältnis von Individuum und Gruppe. Gibt es heutzutage überhaupt noch Gemeinschaftsträume? Wir versuchen zu begreifen, dass das Individuum immer Teil einer Gruppe ist, dass jeder die Gruppe braucht.

Interview: Michael Baute

„Pfarrer“ Deutschland 2014; Regie: Chris Wright, Stefan Kolbe; 90 Minuten; FSK 0

Kinostart: 10. April

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