Theater und Bühne in Berlin

Ivo Dimchev bei Tanz im August

Der bulgarische Extrem-Performancekünstler Ivo Dimchev geht mit seinen Hardcore-Burlesken an die Grenzen von Schmerz und Lust – und zapft sich auf der Bühne schon mal selbst Blut ab, um es an den Meistbietenden im Publikum zu verkaufen

Ivo_DimchevOb es logisch klingt oder nicht – es gibt Performances, die sind so gut, dass man froh ist, wenn sie endlich vorbeigehen. Weil sie in ihren besten Momenten kaum auszuhalten sind, einen als Zuschauer nicht in Ruhe lassen und nicht den üblichen Abstand wahren. Weil sie, auf welche Weise auch immer, die Grenzen dessen, was man im Theater erleben möchte, entschieden überschreiten. Wenn es gut läuft, performt der Bulgare Ivo Dimchev auf eine Weise, der kein Zuschauer entrinnen kann – nicht einmal in der Erinnerung. Niemand, der dabei war, wird vergessen, wie dieser große Mann mit seinem schönen, völlig unbehaarten Körper in Frauenkleidern, Stöckelschuhen und Perücke vor sechs Jahren auf den Straßen der rumänischen Hauptstadt Bukarest herumkroch, sich im Staub wälzte, mit Blut übergoss und als transvestitische Kunstmutter den eigenen Sohn um einen Beischlaf anflehte. Damals erschraken vor den schrillen Rufen „Fuck your mother, Volk“ nicht nur die zur ersten Balkan-Tanzplattform angereisten Veranstalter aus Westeuropa und Amerika, sondern sogar die rumänischen Straßenkinder. Da nutzte es wenig, dass das Kunstblut im Dreck des Spätsommers schnell trocknete und „Volk’s mother“ irgendwann über die Dächer Bukarests verschwand – der Moment völliger körperlicher und emotionaler Blöße hatte sich auf der Netzhaut des Betrachters eingebrannt.

Es dauerte eine Weile, bis der Radikalperformer Ivo Dimchev Eingang in die Theater Westeuropas fand. Das Kunstmilieu, das stets nach dem Neuen, Exotischen, Unbekannten sucht und es als „Entdeckung“ vereinnahmt, scheute sich ziemlich lange, den bulgarischen Künstler zu präsentieren. Nach seinem anwachsenden Bekanntheitsgrad in Frankreich und den Niederlanden sah man ihn in Berlin im vorigen Jahr zum ersten Mal beim Tanz im August – als Diva „Lili Handel“. Obwohl der Vorstellung in der Halle etwas von der absoluten Kraft der frühen Performances fehlte, schöpfte Dimchev auch hier aus dem Spiel, in dem der (unbekleidete) Körper zum Spiegel und zur Projektionsfläche emotionaler und seelischer Nacktheit wird.

Seine wie stets transvestitisch angelegte Darstellung folgte einer verwirrenden Zwischen­erotik – nicht allein zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen Schmerz und Lust, Selbstentblößung und Selbststilisierung, Scham und Stolz, verletzter Seele und intaktem Körper. Ob er, allein mit Federboa und langen Perlenketten bekleidet, zur Arie ansetzt, im Sessel versinkt oder diesen zum imaginären Pferd macht, auf dem er galoppiert – immer attackiert die Überpräsenz seiner Physis den Zuschauer. Ein Körper, der kräftig, glänzend, weiß, glatt und biegsam scheinbar alles kennt und in sich vereint: alle Geschlechter, alle Rhythmen und Melodien. Dabei geht es weniger um Provokation als darum, auszuloten, wie weit man mit der Ausbreitung der eigenen Polysexualität gehen kann. Wenn Dimchev sich während der Vorstellung Blut abzapft, um es gewinnbringend an den Meistbietenden aus dem Publikum zu verkaufen, ist das zwar auch ironisch, sogar lustig, aber doch vor allem ein Moment, in dem mehr zusam­men­kommt als die Elemente bloßer Unter­­haltung: Pornografie der Seele, Hardcore-Burles­ke, pathologische Autoaggression, obsessiver Narzissmus, lustvolle Selbsterniedrigung. Dimchev bei seinem Treiben auf der Bühne anzuschauen gleicht einer Einladung fremder Menschen, sie in ihrer Intimität zu beobachten. Aber anders als die Voyeure der reinen Lust werden die Zuschauer zugleich auf die Zweifel und Nöte des eigenen Körpers zurückverwiesen, auf dessen Schönheiten und Begierden genauso wie auf subakute Krankheiten, Ängste und Übersteigerungen.

Ob der bulgarische Performer noch immer mehr als eine gute Show bietet, ob er noch immer zugleich Erregung und Befremden im Zuschauer auslösen kann, wird sich bei der neuen Ausgabe von Tanz im August zeigen. Da präsentiert er die Uraufführung von „Som Faves“, seiner jüngsten Soloarbeit über eine Auswahl von 100 „hot topics“, darunter so hübsche Themen wie „favorite sexual perversion“, „penis“ und „pornography“, aber auch „poetry“, „mobile phone“ oder „the bad weather“. Dimchev wird sich also zwischen den intimsten und den banalsten Dingen hin- und zurückbewegen – ganz wie das Leben selbst in seinen besten Momenten.

Text: Elisabeth Nehring
Foto: Ivo Dimchev

Som Faves

in der Halle – Tanzbühne (Adresse + Googlemap)
Mi 26.8., Do 27.8., 21.30 Uhr

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