Kolumne

Jackie A. entdeckt… Fusion verpasst

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei“, hat einst der große Udo Jürgens getextet. Und was für Jürgens’ Song „New York“, ist für mich das Fusion-Festival. Ich war wirklich noch nie da und das ist schon eine Peinlichkeit.

Nicht nur aus der Perspektive einer Ex-Nachtlebenreporterin, denn die Atome der Fusion waren schon früh essenzieller Bestandteil des nächtlichen Berliner Aufbruchs in den 90ern. Das alternative Projekt „Fusion“ wurde mehr und mehr Vorbild und Pilgerstätte für meine Nachtleben-Kumpanen, für uns historisch vom Timing Verwöhnte, die nach dem Mauerfall in Berlin – kaum reguliert und ohne behördliche Auflagen – experimentieren und sich entfalten konnten. Was da los war! – Achtung, Techno-Oma gerät schon wieder ins Schwärmen!

Und als sich die Berlin-Techno-City mit ungeheurer Wucht aus den kaputten Bauten des Ex-Ostens herausschälte, als in Hochgeschwindigkeit neue Lebensentwürfe, Kulturstandorte und Berufe entstanden, schien für manchen Beobachter die überraschendste Erkenntnis, dass größtmöglicher Freiraum nicht automatisch Anarchie und Chaos bedeutet, sondern gesellschaftliche Utopien entstehen lässt. Eine dieser Utopien war, das nicht der schnöde Mammon der alles entscheidende Faktor sein sollte, sondern gemeinsame Werte, getragen durch die Leidenschaft für das soeben entstandene Menschen- und Technologie-freundliche „Lebensmodel Techno“.

Bis heute läuft es bei der Fusion so, dass, wer nicht genug Geld für die Eintrittskarte hat, als „Supporter“ eine ehrenamtliche Aufgabe, zum Beispiel beim Abbau, übernehmen kann und so auch mittellos zur Kultur kommt. Da gibt es keine Großsponsoren oder Werbung, die Nichtkommerzialität ist keine Mogelpackung – die sind wirklich so drauf. In ihrem Verein fördern sie Kultur- und Jugendprojekte, da wurde auch mal ein Stück Land einer vor der Schließung stehenden Kita überlassen. Etwas, das mindestens Wohlwollen verdient hätte. Doch der Polizeipräsident von Neubrandenburg sieht eher Bedrohliches, wie die Gefahr von Terrorismus, Vergewaltigungen, Massenpanik und zu vielen „Linksradikalen“ im Publikum. So klang das jedenfalls auf der Pressekonferenz zum Eklat, denn die Fusion droht wegen neuer strenger Auflagen der Polizei in diesem Jahr auszufallen. Dabei gilt sie nicht nur als das größte alternative Kulturfestival Europas, sondern seit Jahren auch als eines der friedlichsten. Die Bilanz für Gewalt- und Straftaten liegt, statistisch belegt, unter dem Durchschnitt.

Die Polizei möchte dennoch aufrüsten und eine Wache auf dem Gelände errichten. „Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n“, geht es in dem Text von Udo Jürgens weiter. Wie das in Gegenwart einer Polizeiwache funktionieren soll, weiß allerdings nur der Polizeipräsident von Neubrandenburg.

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