Kolumne

Jackie A. entdeckt… 2018 (Interview mit einem Jahr)

2018 betritt im angesagten „Slip -Dress“ (Nachthemd) und mit „Messy Hair Cut“ das Café. Es wirkt jugendlich frisch, duftet nach Lithium und Maiglöckchen und wir beginnen unser Interview.

Jackie: Sie stammen aus einer interessanten Familie. Vater: Informationszeitalter, Mutter: digitale Revolution. Ihr Bruder 2017 wuchs nach familiären Verwerfungen in einem Wohnheim für schwer erziehbare Jahre auf. Es bezeichnet sich selbst als Pop-Künstler, ist aber laut Kritiker nur ein aggressiver 17-Jähriger mit einem Faible für peinlichen Deutschrap – Stichwort Autotune (metallisch verzehrter Effekt in Rap- und Popmusiktexten).
2018: (lacht) Für meinen Bruder war Rap-Musik ein Weg, seinen Frust zu verarbeiten: Wohnungsnot, BER, Gewalt und Überschwemmungen in U-Bahnhöfen. Er hat das dann in Autotune-Texte und S-Bahn-Weichenstörungen umgesetzt.
Jackie: Noch immer haben wir es mit den Hinterlassenschaften – auch ihres Bruders – zu tun: BER, keine neue Regierung, Fake News im Internet, wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Wo setzen Sie Ihre Prioritäten?
2018: Zuerst einmal verstehe ich mich als Zeiteinheit. Meine Priorität: Alle zwölf Monate über die Bühne bringen! Auf komplexe globale Probleme antworte ich mit Socialmedia-Entzug und Yoga: weniger Facebook und Twitter, dafür mehr Schulterstand und Krieger II!
Permanenter Timeline-Hysterie begegne ich, anders als mein kleiner Bruder, mit Ruhe. Richte den Blick auf Menschen und Dinge in meiner Umgebung, baue auf den Effekt der Self-Fulfilling Prophecy. Hierzu befinde ich mich im Dialog mit allen Strömungen, von Wetter bis zu Finanzmärkten.
Jackie: Was konkret wird sich für die Berliner/innen ändern?
2018: Die Kernkompetenz „Rumgemotze“ wird durch die Wiederentdeckung der kleiner Freuden erweitert. Das Phänomen des „Frohlockenden Berliners“ möchte ich durch das Revival tief empfundener Dankbarkeit neu anstoßen. Anlässe wären: eine (noch) erschwingliche Mietwohnung, der frühe Termin beim Bürgeramt, ein pünktlicher Bus, ein Insekt am Straßenrand, ein nettes Wort, allgemein ein Mehr an Küsschen und floralen Präsenten im Straßenbild anstelle üblicher Aggro-Dynamiken.
Jackie: Kritiker behaupten, 2018 wäre wie die neue Volksbühne, floskelhaft und langweilig.
2018: Ich nehme das als Kompliment. Langeweile ist ein Luxus, den muss man sich leisten können! Und kleiner Trost: Pünktlich 2019 sind Sie mich wieder los. (lächelt süß)

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