Kolumne

Jackie A. entdeckt… 45 Grad

Manchmal träume ich von einem Leben mit Facebook-Optionen. Altersarmut: „geblockt“, Orangenhaut: „entfriendet“, Hitze: „nicht mehr abonniert“!

Natürlich kann ich auch außerhalb sozialer Medien ganz gut Probleme wegdrücken. Ignorieren ist ja das Mittel der Wahl, um in Zeiten wie diesen emotional nicht komplett vor die Hunde zu gehen – reine Selbstverteidigung! Nur macht die Dosis das Gift und dauerndes Wegsehen wirkt im öffentlichen Raum toxisch. Und weil ich mich selbst ständig ermahnen muss, aufmerksam zu sein, das Handy auch mal in der Tasche zu lassen, werde ich mir den moralinsauren Vortrag sparen und stattdessen eine Reflexion anbieten. Denn das Spannende ist ja, der Switch vom ignorierenden Zombie zur fröhlich-wachen, an der Gesellschaft teilnehmenden Person, ist ratzfatz vollzogen, so ähnlich wie bei Facebook-Freundin Frida K.. Die berichtete, wie sie von ihrem Balkon aus häufiger einen einsamen Menschen auf einer Bank sitzen sah, dies irgendwann realisierte, woraufhin sie – zack bumm – runter zu ihm ging und ein Glas Wasser brachte, ja sogar ein bisschen plauderte – ­Dankbarkeit aller Orten! Kein Witz, so einfach kann das sein.

Wohnungslosen jetzt flaschenweise Wasser hinstellen, mal einen „Guten Tag“ wünschen, empfiehlt auch Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission. Das mag banal klingen, Empathie ist aber auch keine Atomwissenschaft. Und nun steht hier das Thermometer schon bei 45 Grad. Ich spüre den Tropfen, der aus der Kniekehle die Wade herunterrinnt und ich muss an all diese Typen denken, denen bei der Hitze heute noch der Kragen platzen wird, die rotköpfig ausrasten, in ihren Autos oder zuhause bei der Familie, und dann wird’s richtig hart.

Die Dimension ist mir aber auch erst klar geworden, nachdem ich einen längeren Text las über das, was da beim Krisendienst der Jugendämter Tag für Tag aufläuft. Ich fasse zusammen: wahnsinnig viel akutes kindliches Elend in unserer Stadt, traumatisierte Sechsjährige, für die Notunterkünfte fehlen, miserabel bezahlte, chronisch überarbeitete und dadurch auch scheiternde Sozialarbeiter. Diese Leute brauchen meine und deine Aufmerksamkeit, auch von politischer Seite, denn es fehlen massiv Gelder – in Facebookoption gesprochen: „Krisendienst: als Erstes anzeigen!“ Und wenn dann noch der innere Ignorier-Zombie wieder mehr an die Leine genommen werden könnte, ja dann fühlte sich Berlin – zack bumm – direkt wieder mehr nach Berlin an.

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