Kolumne

Jackie A. entdeckt… Arm, aber bio

Die gute Nachricht zu­erst: „Rewe“ schafft die Plastiktüten ab. Hurra! Ein wichtiger Schritt gegen die Umweltvermüllung! Hier kommt die schlechte: Immer weniger Menschen können sich den Einkauf bei „Rewe“ überhaupt leisten.

Fun fact: Letztens sprach eine Unbekannte meinen Mann im Supermarkt an, als der gerade zur Biobutter griff. Sie fragte, warum er bio kaufe, scheinbar eine merkwürdige Handlung im ländlichen Raum. Er gab zurück, dass er glaube, dass die Produkte weniger belastet seien. Jetzt könnte die Großstädterin lästern: „Hach, diese Hinterwäldler!“ Nur ist es so, dass hier in der Region viele Menschen mit landwirtschaftlichen Produktionsverfahren vertraut sind. Die wissen, wie Biowaren aus dem Supermarkt verarbeitet wurden, und dass der Unterschied zu 08/15-Produkten oft deutlich kleiner ist, als „Bio“ suggeriert. Und so lachen Berlinerinnen über die Ignoranz von Hinterwäldlern und Bäuerinnen lästern über die Ahnungslosigkeit der Großstädter. Herrlich!

Und auch tragisch. Denn die große Mehrheit möchte keine Pestizide mit der Nahrung aufnehmen, wünscht sich würdige Haltung von Tieren und ist bereit, dafür zu zahlen. Sie wird mit einem entwerteten Bio-Siegel abgespeist, legitimiert durch eine Politik, die den Profit­interessen von Großkonzernen lächerlich wenig entgegensetzt. So wird gesellschaftlicher Fortschritt sabotiert. Diese Form der Sabotage führt vom Ökosiegel bis zu einer Mietpreisbremse, die nicht bremst. Während 2019 Berliner*innen kaum noch bezahlbaren Wohnraum finden, gleichzeitig Klimawandel und Technologie-Revolution schlaue Antworten brauchen, hört man aus der Politik nicht einmal die Fragen. Dabei braucht es jetzt konkrete Vorstellungen zur Zukunft, Bilder gegen die Angst, denn davon erlebe ich hier viel auf dem Land: Angst vor Fremden, Angst vorm Ende des guten Lebens in Deutschland. Wobei dieses den Menschen aus meinem Umfeld, darunter Freiberufler mit Existenzängsten, nicht mal so super erscheint. Oder meiner Mutter, die ihr Leben lang gearbeitet hat, und mit 630 Euro Rente auskommen muss. Sie stammt aus dieser „Peace, Love, Unity“-Generation der 1968er Alternative gegen autoritäre Erziehung. Einige von ihren alten Hippie-Freunden werden 2019 die AfD wählen, aus Angst, wie sie sagt. Das wiederum macht mir Angst.

„Dauerhaft unbeliebt“, lautet eine Schlagzeile zur Groko nach einem Jahr Regierung. Viele Menschen interessiert das nicht mehr. Warum wählen gehen, wenn sich nichts verändert? Warum eine Bio-Gurke kaufen, wenn sie in Plastik eingeschweißt ist? Schüler auf der ganzen Welt schließen sich derzeit den „Fridays for Future“-Demos gegen diese politische Inkonsequenz an. Sie haben das Zeug zur globalen Klimaschutz-Bewegung, und die ist ohne eine nachhaltige Lebensmittelerzeugung nicht zu machen. Also: Wer kommt ab sofort freitags mit?