Kolumne

Jackie A. entdeckt … Berlin – Borkum

Bangkok, Brasilia, Borkum! Letzteres fehlte bisher auf meiner Liste persönlicher Sehnsuchtsorte mit „B“. Zu sehr klang die Insel nach Trockenholz und langatmigen Storys über steuerliche Vor­teile von Zweitwohnungen, vorgetragen bei Jever Light an gebügelten Stränden.

Hätten die Verwandten nicht zum Kurzurlaub geladen, wüsste ich bis heute nichts über die aufputschende Wirkung von verstärktem Jodgehalt in der Luft. Drei Nächte lag ich wach! Es war ein ­grober Fehler, die ostfriesische Insel zu ignorieren, sie hat nämlich einiges gemeinsam mit Berlin. Die Bar und Diskothek Matrix zum Beispiel, wie ich auf der Strandpromenade entdeckte, in der man sich hier und dort bis zur Verzweiflung amüsieren kann, beziehungsweise ­konnte, denn das Matrix auf Borkum hat den Betrieb eingestellt und ist damit der Hauptstadt einen Schritt voraus.

Genau wie bei uns ist umweltfreundliche Fortbewegung gerade ein hoch­emotionales Thema. So sprach eine ­Unbekannte meinen Mann an und warnte ihn mit schriller Stimme, dass er auf den menschenleeren Bürgersteigen nicht mehr sicher sei, denn die E-Scooter wurden dort zugelassen. Eine Katastrophe für flanierende Borkumerinnen, die, ähnlich wie Berlinerinnen, durch Medikamente in ihrer Reaktionsfähigkeit im öffentlichen Raum häufig eingeschränkt sind. Sie hoffe nun schnell auf schwere Unfälle, damit die Zulassung wieder aufgehoben werde. Positiv Thinking auf Borkumer Art! Auch interessant: Ähnlich, wie es Berliner*innen vor Londoner Verhältnissen graust (siehe Wohnungsmarkt), hat die Borkumerin Panik davor, eines Morgens in einem zweiten Sylt aufzuwachen. Denn man will – Gentrifizierung sei Dank – den heiß geliebten Milchbuden an den Kragen, einer Art traditioneller Späti-Variante mit dem Borkumer Superfood „Milchreis“ im Angebot. Neben Wegbieren gibt es dort auch die berüchtigte Fasanenbrause zu kaufen, ein Vodka-Sanddorn-Gemisch, benannt nach dem Fasan, der, wie die Berliner Straßentaube, an jeder Ecke oder Düne herumlungert. Nur scheinbar gelangweilt stelzt er über Straßen, um zum richtigen Zeitpunkt aus dem Hinterhalt einen metallisch-gellenden Schrei abzusetzen – mit dem Ziel, Touristen zu erschrecken. Es gelingt ganz gut.

Zusammen mit der Unfrisiertheit des Wattenmeers, auf Sandbänken in der Sonne glänzenden Robbenbäuchen, einem herrenlosen Rollator am Strand und dem Titel „I Was Made For Lovin’ You“, der aus einem Kiosk über die Insel schepperte, hat Borkum meinen Touri-TÜV noch mit Herzchen-Emoticon bestanden.

Wenn Berlin die beste Stadt der Welt ist, dann ist Borkum der schönste Sandhaufen im Universum. Die Achse Berlin-Borkum kann man sich ab 100 Euro geben.