Kolumne

Jackie A. entdeckt… Das Berlin-Gehirn

Ich habe im „Tagesspiegel“ einen Artikel gelesen, in dem charmant und informativ umschrieben wurde, dass Berlin doof macht – zumindest im Laufe der Zeit. Das bedeutet, jemand kommt schlau und motiviert in diese Stadt, um sie, Jahre später, als amöbenhaftes Wrack auf allen Vieren zu verlassen

Für diese Einsicht hätte eigentlich ein Besuch in der nächsten Kneipe/Bar genügt. Aber so ist das oft mit den schlauen Erkenntnissen. Irgendein Berliner hatte sie schon vorher.

So hatte letztens ein Kneipengast, es muss gegen 1914 gewesen sein, statt seine Rechnung zu bezahlen, Striche und Zahlen auf einen Bierdeckel gekritzelt. Der Wirt hat ihn rausgeschmissen und ein Typ mit fragwürdiger Frisur, Albert hieß er wohl, ließ besagten Deckel (und ein Kristallglas) mitgehen. Den Rest der Geschichte können Sie unter „Welt der Physik“ und „Relativitätstheorie“ googeln.

Berlin soll direkten Einfluss auf unser Gehirn haben, welches, ohnehin noch im Steinzeitmodus, auf ein Großstadt­leben nicht vorbereitet ist, kurz: zu viele Eindrücke für zu wenig Kapazitäten. Eine Art chronischer Alarmzustand ist die Folge, mit schnellerem Herzschlag und flacherer Atmung, was hellwach macht, aber auf Kosten der Gesundheit geht. Die großstädtische Mischung aus Isolation bei gleichzeitiger sozialer Enge wirkt wie ein „toxischer Mix“. Und die Chance, an einer Depression zu erkranken, liegt hier um 30 bis 40 Prozent höher. Zudem sollen Teile der Großhirnrinde von In-der-Großstadt-Aufgewachsenen kleiner sein als jene von Landbewohnern. Und wenn es nach der sogenannten „Theorie vom Eigenleben der Städte“ geht, dann hat der Berliner nicht nur ein extra großes Faible fürs Einzelgängertum, sondern auch eine besondere Qualität der Gehetztheit. Hier wird nachweislich häufiger U-Bahnen hinterhergerannt als in München, obwohl dort die Bahnen seltener fahren.

Längst bin ich dahin gezogen, wo Hirnrinden noch üppig wuchern, aufs Land. Die Gehetztheit ist einem „Bei-sich-sein“ gewichen, was sich super anfühlt. Ich wurde hier fitter und leider auch fetter. Es fehlt wohl die tägliche Dosis Irrsinn, die Berliner Situationskomik, die erst in der Überforderung so schön glänzt, der Stoff für mindestens drei Shakespeare-Dramen auf den 50 Metern zum Supermarkt, wo der Besoffene vorm Eingang noch Gottfried Keller zitieren kann.

Übrigens hat Albert Einstein’s Gehirn 19 Jahre Berlin unbeschadet überstanden, so furchtbar bedrohlich kann diese Doofheit also nicht sein.

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