Kolumne

Jackie A. entdeckt… Ein schrecklich schönes Schloss

Quietschgelb leuchteten die Blätter junger Birken im Kiefernwald. Ich hörte das Blut in den Ohren rauschen, so still war es hier, einzig ein Specht hämmerte. „Da müsst ihr hin“, hatte ein Freund gesagt, und als sich später vor uns im dichten Wald im Berliner Norden eine Lichtung auftat, war klar: Der Tipp war nicht nur gut, er war brillant.

Wie Watte hing das Herbstsonnenlicht über dem Gewässer. Wir setzten uns auf eine kleine Holzbank und betrachteten das alte Schloss Dammsmühle auf der anderen Seite des Ufers. Erst aus der Nähe sahen wir, dass sämtliche Fenster verbarrikadiert waren, junge Bäume aus Mauerspalten sprossen. Über einem Fenster stand in Neonschrift „BAR“, Überbleibsel einer Party, bei der ich nur zu gern dabei gewesen wäre.

Im langen Gang des Seitenflügels waren Reste einer Bowlingbahn zu erkennen, Stasi-Chef Erich Mielke ließ sie einst einbauen. Dieser Ort hat schon viel gesehen: Napoleon, die Rote Armee, das Festival „Nation of Gondwana“, um nur ein paar Stationen zu nennen. Dieses Gefühl zwischen märchenhafter Erhabenheit und einer vagen Düsternis verstärkte sich, als wir bemerkten, dass jenes Schloss lediglich Ausgangspunkt eines weiten und unübersichtlichen Geländes ist. Wir überquerten einen kleinen Flusslauf, kraxelten über zugewachsene Steinplatten, die uns zu maroden Gebäuden führten. „Hase, hier hatten wir Liebe gemacht!“, stand da an einer Wand, es gab auch noch Graffitis und jede Menge Hakenkreuze. Ein anderer Raum wirkte, als hätte zuletzt eine Ausstellung stattgefunden, eine Grafik hing noch gerahmt an der Wand. Verschachtelte Gänge führten zu wechselnden Räumen, in einem entdeckten wir ein ausrangiertes Sofa neben kiloweise Federn, ein Plakat „Regionen mit Zukunft“ lag am Boden.

Irgendwann standen wir am Eingang eines Bunkers, dessen steile Treppe in die Dunkelheit führte, unweit eines verwahrlosten Ferienbungalows voller Kinderspielzeug. „Ich fühle mich hier unwohl“ sagte meine Begleitung, ein besseres Sujet für einen Psychotriller hätte man auch kaum finden können. Bislang waren alle Versuche, dieses Gelände zu sanieren, gescheitert. Vom „überraschenden Verkauf“ berichtete die regionale „MOZ“. Ein 50 Millionen teures Luxus-Resort soll nun entstehen, die Gastronomie möchte der Betreiber des „Borchardts“, Roland Mary, übernehmen. Ob der Ort dann noch für dich und mich zugänglich bleibt? Abwarten, oder besser noch, einen Ausflug machen, solange es geht. Großes Kolumnistenehrenwort: Es lohnt sich!

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