Stadtleben und Kids in Berlin

Jackie A. entdeckt: Erste auf dem Dancefloor

„Mit fast 50 rennt die immer noch in die Clubs.“ So könnte der Leser vorschnell urteilen, aber eine sollte doch dran bleiben. Nicht nur den Touristen und Endzwanzigern den Dancefloor überlassen! Also bin ich zu Roxxy gefahren. Sie knallte die Pulle Schampus neben den Kosmetikkoffer auf den Küchentisch. Unser angeschlagenes Selbstbewusstsein haben wir mit kiloweise Glitzer überpudert. Meine einstige Superstar-Freundin zieht jetzt Kinder groß und ich bin die Alte, die aus dem Dorf anreist.

Jackie A.

Aber heute – Watch out, Berlin! – gibt es das Comeback. Wir wollen Laser­strahlen und Aufmerksamkeit! Auch wenn längst andere Anspruch auf die Nacht erheben. Mit dem Auto rasen wir Richtung „Diamant Disco“. Das Soundsystem ist kaputt, spielt die Tracks nur jeweils eine Minute an. Wir singen kurz den Refrain von Spandau Balletts „Gold!“ mit, dann direkt zu Blondies „Sunday Girl“. Leere Red-Bull-Dosen scheppern an meinen Schuhen, als Roxxy den Wagen mit quietschenden Rädern zum Stehen bringt. Dann Vorbeistelzen an der Türsteherin.

Vielleicht bin ich die Älteste hier, aber wir haben die höchsten Absätze und den alles vernichtenden Blick! Er hält nur nicht lange vor. Dabei fand ich Leute immer so lächerlich, die da als erstes auf die Tanzfläche rannten. Und nun das: Mit Roxxy und erhobenen Armen tanze ich, eröffnend, quer durch den Raum. Die Musik ist einfach zu gut! Ein Hipstermützen-Junge schließt sich an. Auf unserem Weg stoßen noch weitere, emotional Überrumpelte dazu, und das Ganze entwickelt sich zu einer zusammenhanglosen, irgendwie übereilten Art von Polonäse, und zwar noch vor null Uhr. Der DJ erkennt die Lage, übergibt uns Lametta-Pompons. Mit denen arbeiten wir uns ab, über Stunden. Bis einer vor den Füßen eines Typen landet. Der fragt: „Brauchst Du noch was?“ Er zieht mich in Richtung WC. Hinfort mit dir, menschgewordenes Phantombild einer Ermittlungsakte! (Er sah wirklich so aus.)

Und als dann dieser asiatische Amanda-Lear-Verschnitt im Rauch der Nebelmaschine erscheint, mit weißen, langen Haaren und filigranem Hirsch­geweih, da war das so ein Moment. Ihr Freund trug eine Lichterketten-Installation mit Sektbechern auf dem Kopf. Und alles zusammen verschmolz in einem einzigen kollektiven Dahingesumme über Discolandschaften. Wie schön, dass sie in Mitte noch blühen!

Und eines ist ja auch klar: Wer erster auf der Tanzfläche ist, der darf als letzter gehen.

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jackie@tip-berlin.de

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