Kolumne

Jackie A. entdeckt… Falsche Seite

Letztens in Lissabon: gepflasterte Gassen bergauf, bergab. Pittoreske Hausfassaden in Pastellfarben. An den Balkonen Leinen mit frisch gewaschener Wäsche, die über den Köpfen Flanierender wehte. Antike Straßenbahnen

Kaum in Worte zu fassen, wie enttäuscht ich war! Vielleicht sollte ich erwähnen, dass bei unserem Eintreffen ein wichtiges Fußballspiel endete und an allen Ecken euphorisierte Menschen in roten T-Shirts Triumph-Bekenntnisse herausposaunten. Soll ja keiner sagen, die Portugiesen wären nicht gut drauf!

Das romantische Zimmer im Sterne-Hotel entpuppte sich als gelungenes Coffee-Shop-Duplikat – viele Brauntöne, kombiniert mit international verständlichen Plattitüden in Schreibschrift als Tapetendruck: „Bienvenue!“ Glücklicherweise präsentierte sich die Stadt drumherum als exakt jener Ort, über den in Berliner Bars alle 15 Minuten irgendjemand zu rufen scheint: „Mein Gott, das ist so unglaublich toll da!“ Bekannte hatten sich zur Auswanderung entschlossen, seither werde ich in meiner Instagram-Timeline mit Bildern phantastischer Wohnsitze und unklarer Rotweinsituationen in wechselnden Fado-Bars belästigt. Ist dieses Lissabon eine Alternative zu Berlin? Der Taxifahrer informierte: monatliches Durchschnittseinkommen des Portugiesen liegt bei 800 Euro, was für hiesige freischaffend Kreative nicht unvertraut klingt. Miete, Verkehrsmittel und Clubs sind häufig (noch) günstig.

Mit dem Verlassen Lissabons in Richtung nördliche Atlantikküste trafen wir auf Arbeitnehmer, die ab 16 Uhr ganz selbstverständlich surfen gingen, sowie aus-nahmslos freundliche Leute. Nach Zurredestellung eines Einheimischen die Aufklärung: „Wear Latin!“ Meinem Mann – typisch deutsch – war diese Antwort zu einfach. Dabei bewiesen wir die naheliegende Formel „Je weniger Latin, um so mieser die Stimmung“ am eigenen Beispiel, beim Aufstieg zum „Palacio Nacional da Pena“. Zu Beginn mosernd: „Guck doch endlich mal in die Natur und nicht immer nur auf Google Maps!“, später sich in Vorwürfen ereifernd. Höhepunkt: demonstrativ-entnervtes Stehenbleiben, als nach Stunden klar wurde, dass unser anvisiertes Highlight nicht vor uns lag, sondern leider auf der anderen Seite des Berges. Daraufhin in düsterer Stimmung, gänzlich unlatinhaft ins fünfte Ehejahr weiterwandern. Irgendwann dann wortlos die Wasserflasche dem anderen hinhalten. „Hm, danke.“ Etwas später einen Witz über die Botanik machen, woraufhin sich ein Lachen den Weg bahnte. Immer weiter liefen wir ins Nichts, und obwohl der Weg steiler wurde, fiel das Laufen leichter. Irgendwann trafen wir an einer kleinen Kirche ein – die Laune: brilliant! Später inniges Händchenhalten mit spekta­kulärem Blick bis zum Atlantik. „­Church of São Pedro de Penaferrim“ gebe ich Ihnen hier als Insider-Tipp mit. Falls Sie sich mal in adäquater Kulisse versöhnen wollen.