Kolumne

Jackie A. entdeckt … Gnadenlos

Es ist leicht, in Berlin ein Arschloch zu sein. Ich kenn’ mich da aus: vordrängeln, ignorieren, den eigenen Vorteil im Auge behalten. Genauso, wie es einfach ist, sich freundlich durchs Stadtbild zu bewegen. Letzteres hat sich als passable Ü-49- Strategie bewährt. Denn irgendwann hatte ich – nicht ganz uneigennützig –  festge-stellt, dass es mir besser geht, wenn Personen um mich herum ebenfalls gut beieinander sind. Und weil alles mit allem zusammenhängt, besteht die reale Chance, dass jede noch so winzige Aufmerksamkeit Folgen hat und ihre Kreise zieht, wie ein Stein, den man übers Wasser springen lässt

Gnadenlose Freundlichkeit heißt daher die Extremsportart, bei der ich un-ter S-Bahn-Sitzen knurrenden Dackeln zuzwinkere, genauso wie der gestressten Kassiererin. Bei der ich dem verdutzten Mitarbeiter bei „Mister Minit“ mitteile, das seine überteuerte Besohlung das Beste war, was meinen Stiefeln und mir seit langer Zeit passierte; und bei der der Mann, der neben dem Geldautomaten auf dem Boden sitzt, neben den Euros auch immer ein vergnügliches  „Hallo“  zu hören bekommt.

Ich fragte ihn mal, ob ich ihm  etwas von meiner Tüte „Nuss-Mix“ abgeben könne.  Ich hatte nicht bemerkt, dass da kaum noch Zähne waren. Er berichtete, dass er alkoholkrank sei. Das blieb dann das einzige, was ich in dem nun folgenden, nuscheligen Smalltalk verstand.

Wir kommunizierten über Mimik, auf ein lustiges Gesicht folgte ein Lachen, auf eindringliche Miene ein aufmerksamer Blick. Beim nächsten Bankbesuch dann wieder ein „Hallöchen“, gefolgt von Nuscheln und Winken zum Abschied. Beim letzten Mal hatte ich es eilig und erst 20 Meter weiter fiel mir auf, dass jemand fehlte. Ich entdeckte ihn etwas weiter, an ungewohnter Stelle. Er hatte seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Auf mein fragendes „Hallo?“ schaute er nur zögerlich hervor. Sein Gesicht war grün und blau. Jemand hatte ihn, einen, der sich ohnehin schon am Boden befindet, zusammengeschlagen. Wer macht  sowas? Einer schlechten Angewohnheit folgend, machte ich mir online per Statusupdate Luft.  Da meldeten sich Leute, die ebenfalls Rainer kannten. Das er so heißt,  hatte ich erst hier erfahren. Bald wurde klar, das es einen inoffiziellen Verein freundlicher Nicht-Arschlöcher in Berlin geben muss, denn es gab aufrichtig wirkendes Interesse und konkrete Handlung: „Ich geh nach ihm schauen“, hatte Steffen geschrieben – und ihn am Abend dann nicht mehr gefunden.

Als ich am Sonntag nochmals vorbei kam, war Rainer immer noch ver-schwunden. Es folgte eine nasskalte Nacht, und als dann am Montagmittag ein Kommentar auf dem Smartphone aufploppte:  „Rainer ist erschienen …Nüchtern, nagelneuer Rolli … er war bis jetzt in der Klinik“, war das nicht nur für mich eine der guten News des Tages. Es ist leicht, in Berlin kein Arschloch zu sein.