Kolumne

Jackie A. entdeckt… Hygge

Du skandinavischer Gemütlichkeits­hype, was kannst Du für Berliner tun? Hygge, ein Wort, schön wie ein Holzpantoffel, wie komponiert für einen seelenlosen Lifestyleblog, wie der Name einer abstrakten Skulptur, die nichts als Ratlosigkeit verbreitet und ein Sachbuch-Bestseller, den niemand geschenkt haben möchte!

Aber damit tut man der Hygge-Philosophie unrecht, denn für die Erfinder, die Dänen, handelt es sich um ein gewachsenes Konzept, in dem der Begriff der Gemütlichkeit deutlich weiter gefasst wird als bei uns, indem man sich die „Hyggeligkeit“ immer wieder bewusst macht – wie uncool kann man eigentlich sein? – und sich dieser gegenseitig versichert.

Damit müssen die Dänen einiges richtig machen, denn sie landen regelmäßig auf Platz eins im jährlichen Glücksreport der EU. Also lasst uns den skandinavischen Schmierstoff nicht enden wollender Behaglichkeit in die Gänge der U8 schütten und gucken, was passiert! Doch Skepsis ist berechtigt, denn der dänische Weg zum Glück muss jeden nachdenklich stimmen, der einmal morgens um vier im Watergate einen Dänen auf der Tanzfläche erblickte. Der wird feststellen: Dieser Weg kann nicht meiner sein. Nicht mit dieser Rhythmus-Ästhetik! Berlin ist unhyggelbar. Das wird bei der Analyse des Wortes und deren schwammiger Bedeutung klar. Es leitet sich von „Hug“ für Umarmung ab und reicht von „Kunst der Innigkeit“ bis zu „Kakao bei Kerzenschein“. Und wer hat hier jemals eine Person einen Kakao bestellen sehen? Bier, Gin-Tonic, Leitungswasser okay – aber Kakao bei Kerzenschein? Wollt Ihr uns verarschen, Dänemark? Zirka alle 15 Minuten ruft ein Däne „Hach, ist das hyggelig!“

Das entspricht in etwa dem Zeitraum, in dem ein Berliner die Worte „Scheiße“, „Arschloch“ oder „Riesenwichser“ in den öffentlichen Raum posaunt. Mit 6,5 Kilogramm Kerzenwachs haben die Dänen den höchsten Pro-Kopf-Kerzenwachsverbrauch in Europa. Aber in Berlin ist es zuerst einmal die Energiesparbirne, welche die Herzen erwärmt. Die eigentliche Unhyggelbarkeit offenbart sich erst in der Tiefe.

Denn die Cocooning-Welt des Hygge kann man als Gegenteil einer lebendigen Streitkultur verstehen, in der kontroverse Themen nur stören, wo man es sich nett macht im geschlossenen Kreis, der gerade wegen des Harmoniebedürfnisses auch ausgrenzend wirkt. Wie sollte das in dieser Stadt funktionieren? Berlin kann kein Hygge, weil es zu rambazamba ist. Deshalb findet man hier auch nicht die glücklichsten Menschen – ein paar der spannendsten Exemplare allerdings schon.

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