Kolumne

Jackie A. entdeckt… Igel-Erstkontakt

„Oh mein Gott, dieser Gestank! Hast Du schon wieder alles vollgeschissen?“, klage ich, vor einem Umzugskarton kniend, darin schmatzend: ein Igel. Er hatte soeben zum Frühstück Katzen­futter, Rührei und als Nachtisch Bananenscheiben

Der Verzehr war so laut, das ich ihn bei offener Tür noch im Nebenzimmer hören konnte. Es wird ein Fest der Erleichterung, wenn er wieder das Haus verlässt. In genau 112 Gramm ist es soweit: „Arrivederci, junges Stinktier, gefangen im Körper eines Igels!“ Dann ist er bereit für die Natur. Unvergesslich der Igelerstkontakt vor drei Jahren, als in tiefschwarzer Nacht auf unserem Grundstück aus einer Hecke heraus plötzlich ein schweres, äußerst unangenehmes Atmen zu hören war. Ich dachte, jede Sekunde würde ein Psychopath hinterm Strauch hervorspringen. Statt Hannibal Lecter war es aber nur eines dieser unter Naturschutz stehenden Tierchen, die es sich seit 60 Millionen Jahren auf der Erde gemütlich machen und die sich auch in 2017 noch urzeitlich benehmen. Besonders heftig, sagt Frau Dunst von der Igelstation, ist es in der Paarungsphase, da werden weite Teile Deutschlands von Igelschreien erschüttert. Und falls Sie meinen, Ihr Sexleben wäre vor 20 Jahren auch schon mal prickelnder verlaufen, dann denken Sie bitte eine Sekunde an die Igel, wie sie, gepeinigt von tausenden Nadelstichen, den Akt vollziehen… schreiend! Die Evolution ist unfair und manchmal brauchen selbst perfekt bewaffnete Kreaturen jemanden, der ihnen hilft. So wie im Fall von Domino. Wir fanden das auf Faustgröße zusammengerollte und von Fliegen übersäte Geschöpf ohne erkennbare Lebenszeichen in einem Erdloch, brachten es zum Tierarzt und anschließend auf die Igelstation. Inzwischen pflegen wir den stinkigen Patienten zuhause weiter. Er frisst Unmengen von Katzenfutter, die Unterkunft muss ständig gesäubert werden. Dabei fiel uns auf, dass Igel mit den länglich-schrumpeligen Hinter­füßen den entzückendsten Kleintiergang weltweit besitzen. Noch genialer ist die Flexibilität und Knopfigkeit der Nase, mit der ständig und geräuschvoll alles abgesucht wird: Kartons, die Hauskatzen – auch mal das menschliche Gesicht. Und wer einmal Aug’ in Aug’ mit einem Igel verweilte, kann gar nicht anders, als zu finden, dass jeder Mensch einen Igel bei sich haben sollte, was natürlich nicht funktioniert. Allerdings kann jeder Mensch praktische Igelhilfe leisten – gerade jetzt, wo besagte Igelstation vor dem Aus steht. Da fehlt es an allem: ehrenamtlichen Helfern, Geld für Medikamente, Gehege und Nahrung. Eine Sammelaktion haben wir online gestartet. Damit auch weiter unter Büschen urzeitlich geschnauft wird, so wie Domino es demnächst wieder tut.

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