Kolumne

Jackie A. entdeckt… Matrosin

15.23 Uhr, Spreeufer Oberschöneweide: Zu spät bei Käptn Späti. Der Betreiber des „schwimmenden Kiosk“ trägt ein pfirsichfarbenes Basecap zu knallblauen Augen, er ist entspannt: „Ahoi, Matrosin!“ 15.40 Uhr, Heizkraftwerk Schöneweide: leichter Wellengang und noch nüchtern. Sitze auf einer Kühlbox gefüllt mit spanischem Bier, Campari Soda und Orangina. Erhalte Einweisung: „Hier die Fender, dort der Flaschenöffner, so bremst das Boot“ (dreht an irgendeinem Hebel). Lauter Hupton – ein Polizeiboot möchte instagramt werden.  

15.50 Uhr, Alt Stralau: Verkaufseröffnung mit Ausruf: „Kalte Getränke!“ Familie, Typ Startup-Gründer und bloggende Ehefrau, ordern diverse Drinks und Orangina für die Kids – Preis egal. Frau: „Was mich gerade viel mehr interessiert: Was kostet das Boot?“
16.05 Uhr, Insel der Jugend: umzingelt von Tretbooten in Schwanenform, Sportkanus, Hausbooten, Dampfern, Wasser­taxen und schwimmenden Holzhütten voller besoffener Touristen. Viele winkende Menschen. Habe mich soeben in die Spree verliebt.
16.20 Uhr, Treptower Park: „Hola!“ – Fender raus. Anlegen für superattraktive argentinische Touristen, die sich am Ufer aalen. Käptn Späti dreht auf, plaudert über seinen letzten Buenos-Aires-Aufenthalt. Verkaufte Getränke: 1. Ausgetauschte Telefonnummern: 0.
16.45 Uhr, Schleuse: Warten in der Schiffsschlange. Ich solle mich ­benehmen, weil der Schleuser ein mächtiger Mensch sei und uns, sollte er respektlose Töne vom Boot hören, Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Mache mich unsichtbar.
17 Uhr, Neukölln: Vom Ufer der Griessmühle rufen Afterhour-Druffis: „Wow, this is amazing! Come and dance with us, free entry!“ Jemand Beglitzertes will jetzt zusteigen, ist aber nicht schnell genug. Proste mit spanischem Bier in seine Richtung.
18 Uhr, Kreuzberg, Urbanhafen: hektisches Winken vom unbekannten Kajütboot, der Winkende ist kreidebleich. Ganz außer sich schildert er, dass sein Licht defekt ist. Käptn Späti rät zur neuen Glühbirne.
18.28 Uhr: einsetzender Starkregen, kein Dach. Stimmung zwischen schockerfrischt und todesängstlich.
18.50 Uhr, unter einer Autobahnbrücke:  aufs Regenende warten. Spanisches Bier trinken. Ein Lied in Fantasie­englisch singen. Sich frei fühlen.
19.30 Uhr, zurück in Oberschöneweide. Hungrig wie ein Rudel Dackel, feucht wie tausend Aale das Berliner Fluss­leben lobpreisen, dann eilig nach Hause – nächsten Sonntag gleich nochmal.

www.facebook.com/kaeptnspaeti

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