Kolumne

Jackie A. entdeckt… Online

Sitze in der Ausstellung „The Influencing Machine“ in der Kreuzberger nGbK-Galerie am Computer, beantworte mausklickend Fragen. „Neurotizismus ist Ihr charakteristisches Merkmal“, ergibt die Auswertung. Weil an zweiter Stelle gleich „Offenheit“ folgt, wurde in dieser Veranschaulichung eines üblichen Online-Profilings nach den Big Five – fünf grundlegende Persönlichkeitsmerkmale des Nutzers – ein typischer Berliner Charakter errechnet, kurz: Sprung in der Schüssel aber freundlich, juhu!

Bei fast jedem Blick aufs Smartphone füllen wir Fragen eines imaginären Bogens aus. Unsere Daten werden weiterverarbeitet und zu Vermögenswerten verknüpft, um die sich eine weltweite Beeinflussungsindustrie gebildet hat. Dabei geht es nur am Rand um Produktwerbung. Regierungen, Oligarchen, mächtige Lobbyverbände, politische Organisationen – jeder mit genügend Geld kann die Manipulierungsmaschine buchen. Ich laufe nachdenklich durch die Ausstellungsräume in Kreuzberg – enttäuscht auch über das eigene Unvermögen, in Gänze zu durchblicken, was sich da mit Algorithmen, Bots und Daten im Netz zusammenbraut. Die Materie ist abstrakt, die Möglichkeiten sind überbordend. Ist dieses Internet nun ein Schmetterling der schillernden Möglichkeiten oder doch eher Ridley Scotts Alien? Einiges spricht für Letzteres. Mit den Mitteln von Cambridge Analytica konnte Donald Trump die Wahlen in den USA gewinnen. Der Brexit wurde durch illegale Verarbeitung von Millionen Daten auf Facebook maßgeblich beeinflusst. Und glaubt man der renommierten Forscherin Renée DiResta, sind das keine zufälligen Erscheinungen in einer ansonsten funktionierenden Ordnung.

Viel eher verfängt die Manipulation durch stetig verbesserte Datenverarbeitung mit KI (Künstlicher Intelligenz) bei sehr vielen, durchaus auch ­„schlauen“ Menschen, weil sie raffiniert auf unterschiedlichen Ebenen stattfindet. Laut DiResta wird mit diesem Wissen seit einigen Jahren global militär-strategisch gearbeitet, sie spricht von einem „Informationsweltkrieg“. Demnach sind Datendealer die neuen Waffenhändler, erbeutet werden Emotionen, deren Folgen verstärkt auch offline sichtbar werden. Das alles klingt jetzt nach Science-Fiction-Movie und man fragt sich, was wir als „kleine Konsumenten“ ausrichten könnten. Facebookkonto löschen? Die Idee haben immer mehr Leute in Europa. Vermutlich müssen wir uns noch mehr mit der Materie beschäftigen. Horizont­erweiterung dafür findet sich bei „The Influencing Machine“ – noch Stunden später haben wir darüber diskutiert. Ich empfehle euch die Ausstellung wärmstens!

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