Kolumne

Jackie A. entdeckt… Ortsbeiratssitzung

Eigentlich hat sich nichts verändert. Ob Gaststättenjubiläum oder Ortsbeiratssitzung – als erstes wird immer der DJ begrüßt. Und wie seit eh und je tauchen nach den Events die obligatorischen Society-Schnappschüsse auf. In den 90ern in Berlin im „Frontpage“-Magazin oder dem „Flyer“, heute im Newsletter der „Volkssolidarität“, dem örtlichen Sprachrohr für die ältere Generation. Nur haben sich die einstigen Interessen „Party!“ beziehungsweise „Noch mehr Party!“ verschoben und seit Neuestem hat mich die Faszination für Regionalpolitik erwischt.

Foto: Jürgen Naß

Meine erste Ortsbeiratssitzung habe ich nicht vergessen. Das Hin- und Hergeschiebe von zu wenig Stühlen, die aufgeheizte Stimmung im überfüllten Raum, dazu Protagonisten, die mit von Adrenalin zittriger Stimme ihre Forderungen verkündeten: „Wir in der Wissmannstraße wollen keine neuen Laternen!“ oder „Der neue Jugendclub darf nicht auf dem Gelände der Schule liegen!“ Beim Thema Glyphosat hielt ein stinksaurer Restaurantbesitzer seinen Vortrag durchgängig schreiend. Das Szenario wirkte wie ein Kopfsprung ins Ungefilterte: Rentner, Jugendliche, Landwirte, Linke, Rechte, Grüne, Schlaue, Dumme, Dicke, Dünne – alle gleich schlecht ausgeleuchtet. Im Clubkontext kann man die Ortsbeiratssitzung mit dem „Kit Kat“ vergleichen. Auch hier wird sich nackig gemacht, schwitzend und zitternd Leidenschaft ausgelebt. Zum Glück nur argumentativ und mit Überhang an Rentnern auf dem Floor. Was Regionalpolitik so aufregend werden lässt, ist, dass sie auf kleinem Raum wie unter einem Brennglas vergrößert wirkt. Die Effekte werden sichtbar.

So wie beim letzten Mal, als es um das Waldstück hier um die Ecke ging, welches der neue Besitzer abroden ließ und gewinnbringend in Bauland umwandeln wollte. Seinen Antrag machte er schmackhaft, indem er seinem Vortrag das Wörtchen „Arztpraxis“ hinzufügte. Die sollte nun, statt einer Aufforstung, neben Wohnhäusern entstehen. Jeder hier weiß, dass „Arztpraxis“ auf dem Land ein ähnlich magischer Begriff ist wie „Freigetränkebon“ im Club, weil es ja einfach immer zu wenig davon gibt. Die Debatte wurde also äußerst hitzig. Plötzlich fanden Anwohner die Idee doch ganz gut, ich sprang vom Stuhl, um zu protestieren, wurde daraufhin von einem aggressiven Greis schroff zurechtgewiesen. Am Ende wurde der Antrag mehrheitlich abgelehnt. Und so ein ergebnisorientiertes „Zusammenraufen“ trotz maximaler Unterschiedlichkeit ist eine absolute Top- Erfahrung. Eigentlich hat sich nämlich doch was verändert: Inzwischen mag ich das Leben im Dorf.

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