Kolumne

Jackie A. entdeckt… Punks Not Dead

„Nüscht gegen die AfD!“, sagt ein Typ in Handwerkerhose mit kurzgeschorenen Haaren zu seinem Begleiter auf dem Bahnsteig. Ich steh da, noch wie benommen von der Wahl. Und plötzlich bin ich wieder die 15-Jährige, die mit „Punks Not Dead“-Aufnäher nach der Disco im „Druschba“ auf den Freund wartet

Herzchen trägt schwarze Klamotten und Irokesenschnitt, und wenn ich ihn aufziehen will, muss ich nur seine Ähnlichkeit mit dem Sänger der „Spider Murphy Gang“ erwähnen. In dieser Minute wird ihm ins Gesicht geboxt – einmal, zweimal. Ein roter Faden zieht sich von der Nase zum Mund. Noch ein Schlag. Das ist damals nichts Ungewöhnliches an einer Samstagnacht. Wenn Punks und Skins aufeinandertrafen, knallte es halt. Richtig übel verletzt wurde dabei selten jemand. Zu der Zeit wurde aber auch noch nicht mit Springerstiefeln auf Köpfe getreten und Mädchen wurden ausgespart, es sei denn, sie entschieden sich selbst dazu, mitzumischen.
Als Herzchen rüber kommt, schimmert es blaurot unter Auge und Nase. „Nicht so schlimm“ sagt er. Er war ein paar Jahre älter als ich und sang in einer Punkband. Deshalb saß er auch schon im Knast. Die politische Dimension hatte mich nicht interessiert, die Prioritätenlage war noch anders: raus aus dem Kaff, cool aus­sehen, souverän werden. Und heute, drei Jahrzehnte später, am Tag nach der Wahl, bei der eine offen rassistische Partei die zweitstärkste Kraft hier im Dorf geworden ist, tritt die politische Wirklichkeit meine Souveränität in den Hintern, während ich aufs Smartphone starre und lese: „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzehrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Auch wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein…“ – wo ist Bertolt Brecht, wenn man ihn mal braucht? Im Facebook-Stream! Aber sonst echt nirgends. Nicht in meinem Dorf und auch nicht in den Kaffees und Bars in Mitte und Prenzlauer Berg, wo in beachtlicher Mittelschichten-Arroganz abgeurteilt wird, was nicht ins eigene Gendermainstreaming-Soya-Latte-lactosefreie-Kundalini-Yoga-international-ökologisch-aufgeschlossen-pro-globalisierte Weltbild passt. Und diese Selbstgerechtigkeit macht mich so wütend, weil ich sie in mir selbst wiederfinde. Genau wie das Ossi-Girl mit dem „Punks Not Dead“– Aufnäher, das gerade verzweifelt an den Vorurteilen, die sich da auftürmen. Am Graben zwischen Ost und West, der tiefer als heute nie war. Das sagt: Schuld sind nicht nur die anderen. Hört auf Bertold! Guckt in den Spiegel, greift euch an die Nase, denkt über euren Hass nach – und dann lasst uns gegen Nazis auf die Straße gehen.

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare