Kolumne

Jackie A. entdeckt… Tote Biber, verpasster Sex

Wenn der Teenager vom Hochbett kotzt und ein Biber tot im Schlosspark liegt, dann ist wieder Silvester in Berlin! Da muss Blut fließen, müssen Fäuste und Federn fliegen, dutzende Gliedmaßen abhanden kommen – nur so kann das „frohe Neue“ die Aufnahmeprüfung im harten B bestehen

Kolumne Jackie A. tip 01/2018

Knallt das Jahr ab, bevor es beginnt!“, krachbrüllen die Böller, und jedes Mal möchte ich antworten: Geht mir aus den Ohren. Mit mir habt ihr’s euch verscherzt! Unglaublich aber wahr: Pyrotechnik hat mir die erste Chance auf Geschlechtsverkehr genommen. So was vergibt man nicht! Seither ist sie mein Feind und ich möchte Dich und Sie gerne einladen, den persönlichen Unmut, falls vorhanden, Sinn stiftend in einer entsprechenden Petition zu bündeln.
Rückblende: Silvester 1984. Fröstelnd laufe ich Richtung Bushaltestelle, trage meine neue weiße Jacke mit den mächtigen Schulterpolstern in dem Stil, wie Nik Kershaw oder La Toya Jackson sie auch tragen könnten, und mit der ich mindestens wie 15, definitiv jedoch älter als 14 Jahre rüberkomme. Sie erreichte mich im Westpaket gerade noch rechtzeitig vor meinem ersten Silvester als Frau. Immer noch ohne Brüste, aber auch ohne Erziehungsberechtigte an meiner Seite. Allein mit der Wohnung,
16 Tüten Erdnussflips, einer „Soft Cell“-Kassette und diesem Fotobuch „Stellungen“ – darin ein nacktes Ehepaar, das die wichtigsten Positionen des Aktes in schmuckloser Kulisse vorführt. Und ich hatte doch schon so viel darüber gehört! Und Tommy wartet an der Ecke Thälmannstraße – DER Tommy mit den dunklen Augen und der Simson. Heute knallt’s! Ich werde ihn küssen und mit Erdnussflips bewerfen und dann wird er fragen, ob er mein Freund sein darf und ich werde betont gelangweilt aus winzigen Augenschlitzen gucken, während meine Hormone die Party des Jahrhunderts feiern. Nur noch ein paar Meter! Pyrokracher fliegen von Balkonen, explodieren direkt vor meinen Füßen. Eine Rakete landet pfeifend im Baum. Schneller, Jackie, schneller! Plötzlich ist da etwas an meinem Rücken, wird unerträglich heiß. Ich reiße mir die Jacke vom Leib, zertrample wie irre die Flammen am Boden. Als sich der Rauch verzieht, ist da dieses große schwarze Loch. Mein ganzes 14-jähriges Selbstwertgefühl verschwindet darin. Ich kehre um und setze mich, vor Verzweiflung heulend, vor den Fernseher. Über die Jahre sollte ich noch sehr viele ehemalige 14-Jährige treffen, welche die Knallerei verabscheuen. Vom Tierschutzverein NABU mal ganz abgesehen, der nach jedem Silvester um mehr als nur einen Biber trauert. Soll doch aus Hochbetten gekotzt werden, soll es Konfetti, Dollarscheine und Einhornglitzer regnen. Aber die Pyrotechnik, die muss weg! Australien hat sie abgeschafft, Holland ebenso – Berlin kann folgen. Darauf einen lauten Knall (Sektkorken)!

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