Kolumne

Dorfnazis, Waschbären-Kinder und frisch verliebte Künstlerpaare: Jackie A. entdeckt… Welcome-Dinner

„Mindestens drei Leute brauchst du im Ort, bei denen du dich auskotzen kannst, sonst hast du keine Chance“, Jackie A. über Dorfnazis, Waschbären-Kinder und frisch verliebte Künstlerpaare

Vor vier Jahren, ich so, Berliner becircend: Zieht zu uns aufs Land! Guckt doch, die Stichlinge am Grund des Sees, das grünschimmernde Licht des Waldes, die fehlende Präsenz der Spezies Mensch, die Waschbären-Kinder, wie sie gerade unser Dach auseinandernehmen. Und dann: der Typ mit der Reichsflagge im Vorgarten. Täglich joggte ich an dieser Fahne vorbei. Jedes Mal habe ich sie verflucht, hab mich so viel mit Rechtsextremismus beschäftigt wie in meiner gesamten Zeit in Berlin nicht. Von einem Tag auf den anderen war dann die Fahne weg. Ich hab’s nicht verstanden, genauso wenig wie ich das System „Dorf“ begriffen hatte. Dass es läuft wie auf einem Schulhof: Die Idioten fallen immer als erstes auf. Nur kommt danach, anders als auf dem Schulhof, auf dem Land erst mal nichts. Die Segnungen der Entschleunigung sind gleichzeitig ein Fluch. Wenn es schlecht läuft, braucht es, um die passenden sozialen Kontakte zu finden, ein halbes Leben, statt der üblichen 15 Minuten in einer Berliner Bar.

Vier Jahre hat es gedauert, bis ich erfuhr, dass 60 Meter hinterm Dorfnazi das frisch verknallte Künstlerpaar vom Berliner Ensemble wohnt. Auf menschenleerer Landstraße kamen sie mir entgegen. Da dachte ich: „Wenn ich die jetzt nicht anspreche, werden sie im Dorf-Zeit-Kontinuum für immer verschwinden!“ Dabei die Worte einer Freundin im Hinterkopf: „Mindestens drei Leute brauchst du im Ort, bei denen du dich auskotzen kannst, sonst hast du keine Chance.“ Ungefähr zeitgleich entdeckte ich diesen Neuzugang, als er beim heimatlichen Festumzug zwischen ausschließlich historisch Kostümierten eine Regenbogenfahne schwenkte. Ich stand schon vor seiner Tür, um „Hallo“ zu sagen. Neben den Hoffnungsträgern gibt es diese grandiose Legende vom italienischstämmigen Bürgermeister. Engagiert in der Flüchtlingshilfe, brannte – der Sage nach – dessen Gattin mit einem Asylbewerber nach dem „Welcome Dinner“ durch. Das Happy End: nach der Scheidung erneute Eheschließung des Bürgermeisters mit einer neuen, aus der Türkei stammenden Liebe. Für den Wahrheitsgehalt kann ich nicht garantieren, würde mir jedoch gern die Drehbuchrechte sichern.

Dabei musste ich zuletzt lesen, dass mein Brandenburg ein „Racist Shithole“ sei, Zitat einer kanadischen Journalistin. Hallo? Wir sind auch noch da! Vielleicht kann dieser „Inside-Report“ bei der Einordnung helfen.