Kolumne

Jackie A. entdeckt… Wirsingkohl

Sonntag, in einem Garten bei Berlin: „Müssen die ausgerechnet jetzt ihren Kaffee auf der Terrasse trinken? Das dauert doch noch ewig! Gut, dann werden wir es hinter den Büschen machen, da sieht uns keiner. Ich laufe jetzt los und du drückst dann bei drei ab, okay?“ Der Mann steht da mit dem Handy.

Nun eile ich durchs Gras, nur mit einer Gießkanne bekleidet. Das improvisierte Fotoshooting zum Thema „Nacktgärtnern“ soll zügig abgewickelt werden, aber wegen Kommunikationsproblemen – „Ich hab doch gesagt, die Gießkanne muss drauf sein!“, „Das ist zu weit weg!“, „Nein, nicht von vorn!“ –  zieht es sich hin. Dann trete ich noch auf etwas Glitschiges und  frage mich, ob es wirklich Menschen gibt, die gerne unbekleidet im Garten arbeiten. Denn das suggeriert die  Veranstaltung „Welttag des Nacktgärtnerns“. Diese Einladung auf Facebook fand ich skurril genug, um zu meinen, dass sie auch andere Menschen amüsieren könnte. Also postete ich sie in der geschlossenen Gruppe unserer Dorfgemeinde, mein erster Beitrag dort. Kurz darauf konnte ich die Seite nicht mehr aufrufen. Mein Mann kam noch rein, aber mich hatte man rausgeschmissen. Schock­diagnose: humorliche Unvereinbarkeit! Dabei trug ich doch Strickjacke, während ich später noch zwei Dutzend Wirsingkohlsetzlinge ins Beet pflanzte. Nicht, dass ich im Sommer gerne Wirsingkohl essen würde, nur hatte ich mich beim Pflanzenhändler vergriffen. Eigentlich sollte es ja Brokkoli sein, aber der sieht im Frühstadium leider genau aus wie Wirsingkohl. Deshalb gibt es hier, sobald es draußen schön heiß ist, eben sehr viel Wirsingkohleintopf. Die Stimmung wurde nicht besser, als der nette Nachbar an den Gartenzaun trat und mir weitere Pflanzen zum Eingraben auf einem Spaten überreichte. Ich bedankte mich, während mein wahres Ich, umgeben von leeren Pralinenschachteln, längst auf einer Decke weggedöst sein wollte. Statt­dessen wurschtelte ich seit Stunden mit Großmütterchen-Kopftuch im Zentrum eines verdammten Wirsingkohlbeetes. Und als ob das nicht schon tragisch genug für einen Sonntagnachmittag wäre, hätte ich dabei fast mein Smartphone mit eingegraben. Doch, Gartenarbeit ist etwas Wunderbares – wenn sie jemand macht, dem man dabei zuschauen kann. Idealerweise jemand, den man nicht leiden kann. Das teure Gerät konnte reanimiert werden, und als ich im Netz nachschaute, war da gleich auch Post vom Administrator. Der Rausschmiss war ein Versehen. Jetzt bin ich wieder drin in der Gemeindegruppe – im Wirsingkohlbeet dagegen erst mal nicht mehr.

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