Kino & Film in Berlin

Jacques Audiard und Matthias Schoenaerts im Gespräch

Anlässlich ihres Films "Der Geschmack von Rost und Knochen" sprechen der Regisseur und sein Star über schonungslose Körperlichkeit im Film.

Jacques Audiard und Matthias Schoenaerts

tip Ich würde mit Ihnen beiden gerne über Körper sprechen. Die spielen in diesem Film eine wichtige Rolle, das verknüpft ihn sowohl mit „Bullhead“, mit dem Sie, Monsieur Schoenaerts bei uns bekannt geworden sind, als auch mit früheren Filmen von Ihnen, Monsieur Audiard, ich denke an „Sur mes lиvres“ mit seiner tauben Protagonistin und an „Ein Prophet“, der Körper im Gefängnis zeigt.
Jacques Audiard Ich mag bewegte Körper, ich mag kaputte Körper, ich filme gern Körper, ich ziehe sie gern an, ich ziehe sie gern aus, ich glaube, kein Filmemacher würde Ihnen das Gegenteil erzählen. Wenn doch, dann frage ich mich, wofür er Kino macht. Mir sind Gesichter wichtig, deswegen filme ich so oft in Großaufnahmen, die Landschaft eines Gesichts.
Matthias Schoenaerts Bei „Bullhead“ war klar, das musste ein künstlicher Körper sein, sogar ein hyperkünstlicher: Die Figur, die ich verkörperte, war ein Typ, der sich mit Steroiden vollgepumpt hatte. Die Idee ist mir erst gekommen, als ich mir Kühe auf der Weide angeschaut habe und begriff, dass ich wirklich eine Art von massivem Körper brauchte. Denn der Regisseur hat nur gesagt: „Du musst zunehmen!“, ohne das näher zu präzisieren. Ich habe dann anderthalb Jahre lang Bodybuilding gemacht, sechsmal die Woche, zweimal am Tag. Bis ich das wieder losgeworden bin, hat es sechs Monate gedauert. Alis Körper in „Der Geschmack von Rost und Knochen“ musste sehr viel natürlicher wirken. Man sieht auch, dass er mal jemand gewesen ist, dessen Körper fitter war. Jetzt ernährt er sich schlecht, weil er nicht die finanziellen Möglichkeiten hat – am Anfang sieht man ihn ja gewissermaßen aus dem Müll essen. Er hat auch einen kleinen Bauch, er war einmal ein Athlet, aber der Körper hat sich auch ein wenig auseinandergelebt. Um das hinzukriegen, habe ich sehr physisch gearbeitet, einerseits habe ich wieder Boxen trainiert, andererseits habe ich sehr viel Junkfood gefressen. Wenn man ganz viel Mist frisst, fühlt man sich auch irgendwie mies und dreckig.
Jacques Audiard Wenn man mit Schauspielern arbeitet, ist es einfacher, ihnen zu sagen, wie sie aussehen sollen, was sie anziehen sollen, als über Psychologie mit ihnen zu reden. Bei Roman Duris in meinem Film „Der wilde Schlag meines Herzens“ war es das Spannendste und die größte Arbeit, wie er Klavier gespielt hat. Manchmal hat er sich fallen lassen, manchmal hat er gerade sitzend gespielt.

tip Monsieur Audiard, wie physisch war die Rolle für Marion Cotillard? Wurden die amputierten Beine gänzlich digital erzeugt? Wenn ja, wie hat sie sich das Physische in diesem Fall erarbeitet?
Jacques Audiard Es war nicht alles digital! Es gab gewisse Einstellungen, etwa im Rollstuhl, da hatten wir einen Rollstuhl mit doppeltem Boden, auch die Szenen auf der Matratze wurden mit einem Hohlraum darin gedreht. Da Marion zuvor in Amerika drehte und zudem gerade Mutter geworden war, hatten wir keine Zeit für eine gemeinsame Vorbereitung – sie hat sich alleine auf diese Rolle vorbereitet und mir bestimmte Dinge angeboten, als sie zum Dreh kam.

tip Ihr Film besticht durch eine ganz eigene Verbindung von dokumentarischen Momenten und Stilisierung. Wie haben Sie dafür eine Richtschnur entwickelt?
Jacques Audiard Das ist genau das Grundproblem dieses Films. Jeder Film, den ich mache, hat übrigens so ein Grundproblem. Wird der Film zu naturalistisch, wird es langweilig, wird er zu stilisiert, wird es unglaubwürdig. Dieses Problem habe ich schon beim Schreiben bemerkt, dann auch beim Drehen, in der Lichtsetzung, in der Musik.

tip In Ihrem Film „Sur mes lиvres“ erzählten Sie von einer tauben Frau, die in die Welt eines Kleinkriminellen hineingezogen wird, da ihre Fähigkeit des Lippenlesens sich als nützliches Werkzeug erweist. Sind Ihnen diese Parallelen bei der Arbeit bewusst gewesen?
Jacques Audiard Glücklicherweise ist mir das erst im Schnitt aufgefallen, als meine Cutterin das erwähnte. Wäre mir das früher bewusst gewesen, hätte mich das wohl verwirrt. Ich möchte allerdings jetzt nicht als der Filmemacher kategorisiert werden, der immer Frauen mit Behinderung filmt. Behinderung ist bei mir auch immer etwas anderes. In „Sur mes lиvres“ war es eigentlich so, dass es um eine Frau geht, die alle hässlich finden. Nur: Das sagt ihr keiner, alle sagen ihr immer nur: „Du bist stumm.“ Emmanuelle Devos, die diese Rolle gespielt hat, war zu dem Zeitpunkt festgelegt auf Frauen, die nicht gut aussehen. Und ich habe aus ihr in dem Film eine schöne Frau gemacht. In „Der Geschmack von Rost und Knochen“ war die Behinderung für mich eine Möglichkeit, Sex zu filmen, anders, als es im normalen Kino gefilmt wird. Wenn du eine Frau ohne Beine zeigst, die sich mit diesen Beinstümpfen an den Körper von Ali anschmiegt, dann hat das eine ganz andere Körperlichkeit, das wirkt nackter als nackt.

Interview: Frank Arnold

Foto: Wild Bunch Germany und Central Film Verleih

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