Tragikomödie

„Jahrhundertfrauen“ im Kino

Panorama der Lebensentwürfe: Regisseur Mike Mills verknüpft in „Jahrhundertfrauen“ diverse Frauenporträts mit einem Erziehungsauftrag

Foto: Splendid A24

Ein Auto steht auf dem Parkplatz eines ­Supermarktes in Flammen, offenbar neigte der überhitzte Motor zur spontanen Selbstentzündung. „Es war nur ein ­altes Auto“, sagt der 15-jährige Jamie (Lucas Jade Zumann) leicht genervt zu seiner Mutter Dorothea (Annette ­Bening), die dem Gefährt sichtlich hinterhertrauert. „Das war nicht immer so“, entgegnet sie, „es wurde ganz ­plötzlich alt.“
Die erste Sequenz in Mike Mills’ sich den Genre­kategorien geschickt entziehendem Film „Jahrhundertfrauen“ (Originaltitel: „20th Century Women“) gibt in der heiteren Gelassenheit, mit der leicht exzentrische Charaktere die kleinen und großen Dramen ihres Lebens meistern, den Ton für die kommenden zwei Stunden vor und setzt das Thema: Auch die 1924 geborene Dorothea kommt sich, als die Handlung 1979 in Santa Monica, ­Kalifornien, einsetzt, plötzlich nicht mehr jung vor. Ihren Sohn hat sie erst mit 40 Jahren bekommen und fühlt sich der ­Aufgabe, den für Punk und New Wave entflammten Jamie als ­alleinerziehende Mutter durch die Pubertät zu begleiten, nicht so ganz gewachsen. Jamie soll ein moderner Mann werden, aber wie kann das gehen, wenn man trotz aller Aufgeschlossenheit diese Modernität nicht richtig greifen kann?

Dorothea bittet zwei deutlich jüngere Frauen um ­Hilfe: die 24-jährige Mitbewohnerin Abbie (Greta Gerwig), die sich nach einem längeren New-York-Aufenthalt in der kalifornischen Heimat von einer Krebsdiagnose erholt, und die 17-jährige Julie (Elle Fanning), die als Nachbars­kind seit vielen Jahren mit Jamie vertraut ist. Als sich die ­zunächst skeptischen jungen Frauen schließlich mit ­Aplomb der neuen Aufgabe widmen, wird die Lage noch komplizierter. Denn Jamie ist scharf auf Julie, die zwar mit vielen Jungs schläft, aber ausgerechnet in Jamie nur den sicheren Hafen des besten Freundes sieht – und die radikalfeministische Lektüre, die Abbie ihm zu lesen gibt, hilft in dieser Situation auch nicht weiter.
Beruhte „Beginners“ (2010), die bislang letzte Regie­arbeit von Mike Mills, auf der Lebensgeschichte seines ­Vaters, der mit 75 Jahren nach dem Tod seiner Frau noch sein schwules Coming-Out wagte, so ist „Jahrhundertfrauen“ nunmehr die fiktionalisierte Hommage an die Frauen, die den Regisseur aufzogen: seine Mutter und – in der Figur der Abbie aufgehend – seine ältere Schwester. Mills’ Stärke als Regisseur liegt dabei sowohl in der Führung seiner großartigen Schauspielerinnen und Schauspieler als auch in der kompetenten Verankerung sehr wahrhaftiger Figuren in zeitgeschichtlichen Zusammenhängen, Moden und Stilen, die in kleinen Montage­sequenzen immer wieder Eingang ins Geschehen finden. Dabei geht es nicht allein um Nostalgie, denn in Mills’ Filmen sind Vergangenheit, Gegenwart und ­Zukunft gleichberechtigt: Wissen, woher man kommt, um zu wissen, wohin man geht.

So bietet „Jahrhundertfrauen“ mit seinen verschiedenen Generationen tatsächlich ein breit gefächertes, stimmiges Panorama verschiedener Lebensentwürfe des 20. Jahrhunderts, zu denen auch noch der Handwerker William (Billy Crudup) gehört, der Erfahrungen mit Medi­tation und Hippiekommunen aufweisen kann. Deutlich wird dabei auch noch einmal der riesige zeitliche Spagat, den eine Frau wie Dorothea zu bewältigen hat: Während Mills ihre Person mit dem Swing-Jazz der 40er-Jahre verknüpft, ist der aktuelle Soundtrack im Leben ihres Sohnes von der Musik der Talking Heads und The Clash bestimmt.

Das vielleicht wichtigste Thema des Films ist die ­Diskrepanz zwischen Eigen- und Außenwahrnehmung. „Ich dachte, bei uns sei alles okay“, kommentiert Jamie die von der Mutter angeleierte, ihm absurd erscheinende neue Erziehungskonstellation; er kann Dorotheas vermeint­lichen Ehrziehungsdefizite gar nicht erkennen. Dafür würde er sich eine größere Nähe zur Mutter wünschen, die bei emotionalen Fragen schnell dichtmacht – sei es aufgrund ihres Charakters, sei es als Ergebnis der Erziehung aus einer längst vergangenen Ära. So spiegeln sich die Figuren in den jeweils anderen Charakteren, und während sie sich selbst oft mit einem eher geringen Selbstwert­gefühl wahrnehmen, empfinden sie die anderen doch als komplette und verständnisvolle Menschen.

Denn sie übernehmen Verantwortung und bemühen sich aufrichtig, sich selbst und andere zu verstehen. Das findet Jamie übrigens auch ganz allein heraus, egal, ob er Abbie zur Nachsorge ins Krankenhaus begleitet, ­gerade weil dort eine lebensbedrohende Nachricht auf sie warten könnte, oder ob er für Julie in der Drogerie einen Schwangerschaftstest besorgt, obwohl ihm ihre sexuellen Eskapaden seelische Pein bereiten. Man kümmert sich eben. In Mike Mills’ Filmen wird auf kleinen Umwegen alles gut. Das ist mit so viel sympathischer Verve vor­getragen, dass man es gerne glauben möchte.

20th Century Women (OT) USA 2016, 119 Min., R. Mike Mills, D: Annette Bening, Elle Fanning, Greta Gerwig, Lucas Jade Zumann, Billy Crudup. Start: 18.5.

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