Wohnungsmarkt und Literatur

„Wir wollen dich hier nicht“ – der Schriftsteller Jan Brandt sprach mit uns über seine verzweifelte Wohnungssuche und seinen neuen Doppel-Roman

Jan Brandt suchte elf Monate lang nach einer bezahl­baren Wohnung in Berlin. Irgendwann verlor er dabei fast die Hoffnung

Foto: Anika Büssemeier

tip Herr Brandt, was bedeutet für Sie Heimat?
Jan Brandt In „Meyers Konversations-Lexikon“ von 1905 steht: der Ort, aus dem man kommt oder in dem man die Wohnung hat. In der man lebt. Berlin war mein Sehnsuchtsort. Insofern bildet dieses Buch mit Berlin und Ostfriesland beide Seiten der Heimatmedaille für mich ab.

tip Ihr Buch ist zweigeteilt. Ein Teil handelt von Ihrer langen Wohnungssuche in Berlin. Im anderen erzählen Sie vom Versuch, das 150 Jahre alte Haus ihres Urgroßvaters, der auch Jan Brandt hieß, in Ihrem ostfriesischen Heimatorf Ihrhove vor dem Abriss zu retten.
Jan Brandt Derselbe Immobilienboom führt auf dem Land und in der Stadt zu verschiedenen Ausprägungen. 85 Prozent der Berliner sind Mieter. Die stecken in ihren Wohnungen fest, weil ein Auszug bedeuten würde, dass die Miete sich verdoppelt oder verdreifacht. Es ist ein unheimlicher Druck. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, zeigt der Immobilienboom sich nicht in der Verdrängung von Mietern, weil es die kaum gibt, sondern von bestehender Bausubstanz. In der Zerstörung des Alten.

tip Sie zogen 1998 aus London her: „Berlin war eine schrumpfende Stadt“, dieser Satz klingt heute nach einem anderen Stern.
Jan Brandt Damals habe ich viel leere Straßen fotografiert. Häuser, aus denen niemand rausguckte. Parks, in denen niemand herumlag. Ich habe jetzt noch mal Gedichtbände von Freunden von damals gelesen. Da scheint die Stille und die Leere immer wieder durch die Texte durch.

tip Wie kamen Sie in die Berliner Lyrikszene?
Jan Brandt In Köln, wo ich vor London gelebt hatte, hatte ich eine Zeitschrift gegründet, „:KOLON“. Der einzige Dichter, den ich in Berlin kannte, war Björn Kuhligk. Er sagte, im Literaturhaus sei eine Premiere der Lyrik-Schachtel „Die Außenseite des Elementes“, danach eine Party. Da lernte ich dann Jan Wagner, Uljana Wolf, Tom Schulz und Björn kennen. Es war sofort eine Stimmung wie: „Schön dass du da bist, lass uns feiern.“

tip Ab wann haben Sie angefangen, sich um Ihre Wohnung in Berlin Sorgen zu machen?
Jan Brandt Das Problem ums Wohnen zeichnete sich bereits um das Jahr 2010 ab, zwei, drei Jahre nach der Finanzkrise. Vorher waren die Mieten auch schon gestiegen, aber moderat. Da hatte ich noch das Gefühl: Vielleicht kann ich mir doch irgendwann mal eine Eigentumswohnung leisten, um diesen steigenden Mieten zu entgehen.

tip Dann bekamen Sie im Wrangelkiez die Kündigung wegen Eigenbedarf.
Jan Brandt Das war wirklich das Gefühl: Da wird dir der Boden unter den Füßen weggezogen. Eine Wohnung im Kiez zu finden war angesichts der Preise fast unmöglich. Als noch demütigender aber empfand ich die Wohnungssuche, dieses permanente Sich-Vorstellen, diese ständigen Absagen. Die Botschaft war: „Du bist nichts wert. Und wir wollen dich hier nicht.“

tip Immerhin sind Sie Schriftsteller, waren mit ihrem 2011er Debütroman „Gegen die Welt“ gar für den Deutschen Buchpreis nominiert.
Jan Brandt Als freiberuflicher Künstler bin ich total abgeschrieben. Es ist sogar ein Makel. Auf dem Wohnungsmarkt zählen nur regelmäßiges Einkommen und Festanstellung.

tip Sie haben elf Monate in halb Berlin gesucht.
Jan Brandt Ich war fast ein halbes Jahr auf Zwischenmiete angewiesen, habe auch bei Freunden im Gästezimmer gewohnt, auf dem Sofa gepennt. Das war ein Dauerprovisorium. Irgendwann dachte ich: Ich komme da nicht mehr raus.

tip Parallel dazu suchten Sie nach dem Sohn Ihres Vermieters, der angeblich in Ihre Wohnung ziehen sollte. Freunde begannen, an Ihrem Geisteszustand zu zweifeln.
Jan Brandt Ich kam mir auch total dämlich vor, wie ein schlechter Privatdetektiv ohne Aufträge. Aber ich dachte, ich muss beweisen, dass dieser Sohn seine eigene Wohnung hat, dass der nicht bei seinem Vater wohnt, wie der sagte. Da stand ich in Neukölln vor irgendwelchen Häusern und habe mir Notizen gemacht, wer rein, wer rausgeht. Ich habe Papiermülltüten durchsucht, war in Hinterhöfen, wurde von Nachbarn gefragt, was das sollte. Manchmal dachte ich, jetzt kriege ich gleich aufs Maul.

tip Für die Frage nach Ihrer mentalen Verfassung sprach, dass Sie in Ihrhove das alte Haus Ihres Urgroßvaters kaufen wollten.
Jan Brandt Das war drei Monate später, da hatte ich wieder eine Wohnung. Aber diese lange Suche hat mich irgendwie total weich gemacht. Ich dachte, ich brauche einen festen Ort, an den ich gehöre. Etwas Unerschütterliches.

tip Ihr Urgroßvater Jan Brandt war der Erste aus der Familie, der in die USA auswanderte – und zurückkehrte.
Jan Brandt Seit ihm sind aus allen Generationen meiner Familie immer ein oder zwei Leute ausgewandert. Ich wäre eigentlich dran gewesen aus meiner Generation, fühlte mich in gewisser Weise dieser Familientradition verpflichtet. Ich merkte aber, dass meine große Faszination für Amerika dennoch nicht stark genug ist, um da bleiben zu wollen.

tip tip Ist der Land-Teil Ihres Buches der Auswandererroman, den Sie seit Jahren planen?
Jan Brandt Leider nicht (lacht). Das kann man nicht auf 200 Seiten erzählen. Ich hoffe, dass ich jetzt die Ruhe finde, mich auf andere Weise der Familiengeschichte zu widmen – und tatsächlich wieder mehr literarisch, mehr experimentell denken kann. Weil ich glaube, dass die persönliche Lösung der Wohnungsfrage, dieses Gefühl der Sicherheit, für mich die Voraussetzung dafür ist, künstlerisch frei zu sein.

tip Experimentell geht es aber ja auch hier zu. So haben Sie auf 30 Seiten in grandios komponierter Kurzatmigkeit einen Abriss der Weltgeschichte von der Grundsteinlegung des Hauses 1863 bis heute entworfen – in einem einzigen Satz. 30 Seiten!
Jan Brandt Ja. Dieser Widerstand gehört immer dazu. Wie in „Gegen die Welt“ Passagen, die unterm Strich laufen. Oder im „Adventskalender“, wo es eine Buchstabenkette gibt, zig Kombinationsmöglichkeiten.

tip Sie schreiben lieber ungewöhnlich?
Jan Brandt Es ist schon so, dass ich den Anspruch habe, die Welt als Ganzes und in ihrer ganzen Komplexität abbilden zu wollen – und es mir selbst dabei nicht zu einfach zu machen.

Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt von Jan Brandt, DuMont, 424 S., 24 €

Lesung: Zimt und Zucker, Potsdamer Str. 103, Tiergarten, Do, 23.5. 19 Uhr, Eintritt: 8 €, zimtundzucker.com