Festival

Jazzfest Berlin 2018 – Das gebrochene (Jazz-)Herz

Nadin Deventer hat die künstlerische Leitung des Jazzfest Berlin übernommen – und setzt
in ihrem ersten Jahr auf die Themenfelder Chicago, Europa, Afroamerikanische Musik und die
geniale Gitarristin Mary Halvorson

Auch das junge Berliner KIM Kollektiv ist zu Gast beim Jazzfest

Mir ist es wichtig, das Festival als Gesamtkosmos zu denken“, sagt Nadin Deventer, die neue künstlerische Leiterin des Jazzfest Berlin. Sie macht damit klar, was sie will: Jazz als etwas Ganzes zu begreifen und nicht als fein-konservierte ästhetische Nische. Die 1977 geborene Festivalmacherin hat bei der Ruhrtriennale gearbeitet und agierte im Vorstand des European Jazz Network. Jetzt übernahm sie Deutschlands wichtigste Plattform für den Jazz von dem Londoner Autor und Musikjournalisten Richard Williams, der in den vergangenen drei Jahren das Jazzfest neu dachte, erneuerte und nicht zuletzt auch in Genderfragen modernisierte. Im vergangenen Jahr waren bereits über die Hälfte der Künstler*innen beim Jazzfest Frauen. Williams suchte nach ungewöhnlichen Kooperationen, band die Berliner Szene ein und etablierte den „Artist in Residence“.

Für diese Entwicklungen, die 2018 fortgesetzt und erweitert werden, war auch Deventer mitverantwortlich. Als Jazzfest-Produktionsleiterin hatte sie auch schon in den letzten Jahren Einfluss auf die Ausrichtung des Programms. In der 54-jährigen Geschichte des vom legendären Joachim-Ernst Behrendt einst als „Schaufenster des Westens“ gegründeten Festivals, ist sie jedoch die erste Frau an der Spitze. Zeit wird es! Im Zusammenhang mit der #Metoo-Debatte, aber auch, wenn man Jazz als Kultur der Selbstbehauptung und Emanzipation begreift. „Ich sehe die Debatte in einem größeren gesellschaftlichen Diskurs“, sagt Nadin Deventer. „Beim Jazzfest haben wir 35 Projekte, und ich achte schon auf eine Ausgewogenheit zwischen Musikerinnen und Musikern.“ Trotzdem sei das eine Herausforderung, die nicht nur für den Jazz gelte, sondern für den gesamten Kulturbetrieb.
In diesem Jahr hat sie unter dem Motto „When did your heart break?“ Schwerpunkte eingeführt: Fokus Chicago, Fokus Europa und Afroamerikanische Musik. Die Themen ziehen sich quer durchs viertägige Programm. Im Segment Afroamerikanische Musik beschäftigt sich etwa das audiovisuelle Projekt des US-Pianisten Jason Moran mit der Geschichte des Jazzpioniers James Reese Europe, der schon 1910 mit dem Clef Club eine Organisation für afroamerikanische Musiker gegründet hat. Reese Europe leitete eine Armeeband, kam während des Ersten Weltkrieges als Soldat nach Europa und brachte den Jazz quasi im Gepäck mit.
Deventer spannt einen historischen Bogen, der von Reese Europe bis zum höchst einflussreichen Art Ensemble of Chicago reicht, das 51 Jahre nach seiner Gründung ebenfalls beim diesjährigen Jazzfest auftreten wird – eine kleine Sensation!

Interessanterweise war Roscoe Mitchell, der Gründer des Art Ensemble, in den 1950er-Jahren auch Soldat gewesen. „Das ist eine schöne Verbindung von Mitchell und Europe. Beide waren beim Militär, sind Visionäre und kollektive Denker“, sagt Deventer. So entstand eine inhaltliche Brücke, die schließlich bis zur Afrofuturistin Moor Mother reicht, die mit Mitchell in einem Duo-Projekt auftreten wird. Mitchells Auftritt wiederum verweist auch auf die Bedeutung von Chicago für den Jazz, die sich in sieben weiteren Jazzfest-Projekten aus der Windy City im Programm manifestiert.

Die Eröffnungsveranstaltung und zugleich der vielleicht aufregendste Festivaltag heißt „Haus of Jazz“ – ein Augenzwinkern in Richtung Till Brönner. Immerhin wollte der berühmte Berliner Trompeter 2016 ein schickes Jazz-Zentrum namens „House of Jazz“ in Mitte gründen, scheiterte aber an der Kulturpolitik. „Die Idee des Auftakts ist, dass wir das gesamte Haus der Berliner Festspiele zugänglich machen und möglichst viele Flächen bespielen wollen“, sagt Nadin Deventer. „Wir präsentieren Konzerte auf fünf Bühnen. Zudem kreeiert das Berliner Kim Kollektiv (s. Foto) in dem Rahmen zwei Tage lang auf der Unterbühne des Hauses mit einer begehbaren 360 Grad-Klanginstallation ein musikalisches Echo vom Geschehen auf der Haupt- und den Nebenbühnen.“

Das Geschehen kulminiert schließlich in der Aufführung von Rob Mazureks Auftragswerks „Exploding Star International: Berlin-Chicago“, an dem unter anderem Hamid Drake und Chad Taylor von Chicagoer Seite und Magda Mayas und Julia Reidy aus Berlin mitwirken.
Größten Einfluss auf das Festival wird allerdings die US-Gitarristin und Komponistin Mary Halvorson in ihrer Funktion des „Artist in Residence“ haben. Die 38-jährige Musikerin gilt derzeit als originellste Jazzgitarristin überhaupt. Die Bostonerin wird Workshops geben und ein Kiezkonzert und mit einem Quartett und im Oktett spielen. Letzteres beim großen Finale am Festivalsonntag, der unter dem Motto „Melancholic Sunday“ steht. Hier werden erst die Estin Maria Faust und die aus der elektronischen Musik bekannte Kara-Lis Coverdale in der Gedächtnis-Kirche auftreten, anschließend geht es im großen Haus weiter mit dem norwegischen Klangkünstler Kim Myhr, dem Mary Halvorson Octet und Bill Frisell, der ganz allein mit seiner aktuellen Komposition das Festival sehr puristisch ausklingen lassen wird.

Jazzfest Berlin 2018 Do 1.11. – So 4.11., Haus der Berliner Festspiele, Quasimodo, A-Trane, Prince Charles u.a.; außerdem mehrere Specials wie Familienkonzerte, ein Silent Meal, eine Kooperation mit der Julia Stoschek Collection sowie Talks, Workshops und Filme, die keinen Eintritt kosten. Termine siehe Tagesprogramm oder www.berlinerfestspiele.de/jazzfestberlin

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