Bio-Revue

„Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ in den DT-Kammerspielen

Rosa von Praunheim feiert sich mit einer charmanten Revue

Foto: Arno Declair

Da traut sich das brave Deutsche Theater mal was und lädt einen schwulen Undergroundstar ein, in den Kammerspielen eine Mini-Revue über das eigene Leben anzurichten – und prompt kommt dabei ein ziemlich hinreißender, kleiner großer Abend zustande. Rosa von Praunheim, gerade 75 geworden und immer noch für die schönsten, menschenfreundlichsten Grenzüberschreitungen gut, denkt schon mal über die Party im Jenseits nach und freut sich auf den „Sex after death“, der ist „so schön und weich“. Gute Aussichten!

In gut zwei Stunden surft Rosa (Text und Regie und Thema) unter dem koketten Titel „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ durch sein Leben, nicht ohne schon mal einen Nachruf auf sich selbst vorzuschlagen, natürlich im heiteren Schmachtgesang: „Rosa ist tot, ein Leben voller Quatsch und ohne Sinn, was für ein Idiot. Und seinen Penis kann man seinen Kindern dann zu Weihnachten schenken.“

Natürlich ist es in Wirklichkeit ein beneidenswert gelungenes und unerschrocken selbstbestimmt geführtes Leben, in dem die Kunst immer auch ein Mittel genau zu diesem Zweck war: sich ein tolles Leben zu machen. Dass dieses Leben dann immer wieder zum Thema der Filme, Bücher, Gedichte, Auftritte Rosas wird, hat natürlich mit der offensiv gelebten Faszination von sich selbst zu tun, ist aber vor allem offenherzig kämpferisch. Wenn irgendwer die 68er-Phrase, das Private sei politisch, subversiv mit Leben füllte, dann Rosa. Spätestens seit seinem mit 29 Jahren gedrehten Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, einer Initialzündung der neuen, politisierten Schwulenbewegung, schließt von Praunheim Agitprop, Kunst, Schock, Privates und Vergnügen gekonnt miteinander kurz – sozusagen die schönste Public-Private-Partnership des deutschen Kinos.

Am Klavier und im Gesang von Heiner Bomhard begleitet, bringt der erfreulich anzusehende Bozidar Kocevski Lieder und Szenen zu und aus Rosas bewegtem Leben dar, selbstverständlich gerne im rosa Prachtfummel oder, bei der Begegnung mit einem Herrn Filmproduzenten von der Bavaria, auch mal unten ohne. Wir treffen Rosas Stars und seine Familie. Beides ist nicht immer zu trennen, etwa wenn er seine Tante mit der „Berliner Bettwurst“, einer prächtigen Trash-Parodie auf die Absonderlichkeiten heterosexueller Romanzen, zum Star macht wie ein paar Jahre später Lotti Huber, die Wuchtbrumme der Herzen.

Verflossener Liebhaber („Ach, Peterchen, die Kacke an meinem Schwanz hat mich zuerst schockiert“) wird ebenso liebevoll gedacht wie den Freuden des Analverkehrs, oder, „kleiner Penis, süß und hold“, den Reizen der männlichen Anatomie. Manchmal schleicht sich leichte Melancholie und Altersmilde in den Abend, zuverlässig von Rosas Witz, Menschenliebe und Selbstironie ausbalanciert: Diese Zitrone hat noch viel Saft.

DT–Kammerspiele Schumannstr. 13, Mitte,  Eintritt 23–30, erm. 9 €

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