Kultur & Freizeit in Berlin

Nurkan Erpulats Stück über schwule Türken

Als Nurkan Erpulat vor rund zehn Jahren aus Istanbul nach Berlin kam, merkte er schnell, dass er als schwuler Türke einen Integrationsvorteil hat. Shakespeare durfte er trotzdem nicht spielen. Jetzt verarbeitet er seine Erfahrungen in "Jenseits - bist du schwul oder bist du Türke?"


Als Nurkan Erpulat 1999 nach Berlin zog, machte er eine merkwürdige Erfahrung. 25 Jahre war er damals alt, und natürlich wusste er, dass man als Türke in Deutschland nicht unbedingt das beste Ansehen genießt. Aber schon bald stellte er fest: Wenn man in Berlin Türke und gleichzeitig offen schwul ist, sieht alles wieder ganz anders aus. Zwei Eigenschaften, die jede für sich eher für Stigmatisierungen sorgen, ergeben zusammen einen Integrationsvorteil. Viele der gängigen Negativklischees über türkische Männer fallen auf einmal weg – Klischees wie Machotum, Gewalt gegen Frauen und nach Schweiß riechen etwa, um es mal so richtig grob zu benennen. Offenbar sind viele Deutsche der Ansicht, dass, wer als Türke sein Schwulsein offen lebt, eigentlich kein wirklicher Türke mehr sein kann.
„Ein interessantes Phänomen. Minus mal Minus macht Plus“, sagt Nurkan Erpulat. Entspannt lehnt er sich in seinen Stuhl zurück und grinst. Er hat ein Theaterstück daraus gemacht: Jenseits – bist du schwul oder bist du Türke?Im Mai hatte es beim Beyond Belonging Festival im HAU Premiere, jetzt wird es im neu eröffneten Ballhaus Naunynstraße wieder aufgenommen. Erpulat, der das Stück gemeinsam mit Tuncay Kulaoglu erarbeitet hat, untersucht darin das schwule deutsch-türkische Leben mit dem Blick eines Zoologen.
Erpulat hat in Berlin den Verein Gladt e.V. (Gays and Lesbians aus der Türkei) mitgegründet. Er geht offensiv mit schwulen Themen um, nur wenn es um die Schwulenfeindlichkeit in der türkischen Community geht, wird er sehr zurückhaltend. „Klar, ist das ein Problem“, sagt er. „Aber so, wie darüber diskutiert wird, bereitet mir das Unbehagen. Etwas wird dabei verzerrt und bedient aus einer anderen Ecke wieder alte Vorurteile.“ Eine vom Berliner Schwulen- und Lesbenverband beauftragte und seitdem viel zitierte Studie über Schwulenfeindlichkeit – nach deren Ergebnis türkische und russische Migrantenjugendliche besonders schwulenfeindlich sein sollen – hält er, „mit aller Vorsicht für sehr fragwürdig“. Aus seiner Sicht hat man sich den türkischen Jugendlichen falsch genähert und ihr Großmaultum, aber nicht ihre Einstellungen abgefragt.

So nüchtern auf die Bizarrerien der hiesigen Verhältnisse schauen kann Erpulat wohl auch, weil er nicht hier aufgewachsen ist. Nurkan Erpulat kommt aus dem türkischen Bildungsbürgertum. Sein Vater ist Beamter, seine Schwester reist heute als Diplomatin durch die Welt, und Nurkan selbst hat an der Staatlichen Hochschule in Izmir ein Schauspielstudium absolviert, bevor es ihn nach Berlin zog. Weil er Regisseur werden wollte und ihm das Theaterleben nirgendwo anders in Europa so aufregend schien wie in Berlin mit Castorfs Volksbühne, der Schaubühne und dem Berliner Ensemble (wobei sich Letzteres dann schnell als herbe Enttäuschung erwies).
Wenn man Nurkan Erpulat fragt, für wie sinnvoll er ein Haus wie das Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße halte – das Anfang November als ein Theater mit einem postmigrantischen Schwerpunkt neu eröffnet wurde – wird er überraschend vehement. Nicht eines, 20 solcher Häuser sollte es geben! „Fast ein Viertel der in Deutschland lebenden Men­schen sind Migranten“, sagt er, „aber wie viel Theater- und Opernbühnen haben einen Migranten als Intendanten? Wie viele migrantische Regisseure, Bühnenbildner, Dramaturgen gibt es dort? Nicht mal ein Prozent!“
Wie viel das mit deutscher Bildungsbürgerarroganz zu tun hat, hat er selbst während seines Regiestudiums an der Ernst Busch Hochschule für Schauspielkunst erfahren dürfen. Dort ließen ihn die Dozenten nicht an einem Shakespeare-Seminar teilnehmen, weil sie ganz freundlich und sehr bestimmt der Ansicht waren, dass es ihm an ausreichenden Kenntnissen und am rechten Zugang zu diesem Stoff mangeln müsse. Erpulats zuvor absolviertes Schauspielstudium in Izmir war allerdings sehr klassisch ausgerichtet gewesen. Unter anderem hatte er sich dort ein Jahr lang fast ausschließlich mit Shakespeare beschäftigt. „Vermutlich gab es an der ganzen Ernst Busch keinen Studenten, der Shakespeare so gut kannte wie ich“, sagt er. Aber obwohl er sich dafür auf den Kopf stellte, gab man ihm nicht einmal die Chance, es zu beweisen.

Text:
Michaela Schlagenwerth
Foto: Jens Berger

Den vollständigen Artikel finden Sie im tip 25/08

Jenseits – bist du schwul oder bist du Türke?

Ballhaus Naunynstraße, Naunynstraße 27,
2.-5.12., 20 Uhr

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