Kommentar

Jenseits von FOMO – Ein Kommentar von Erik Heier

Berlin, du alte Prokrastinations­maschinerie, du einzige Ablenkungs­methode! Hast mich wieder gekriegt. Du kriegst mich ja immer.

Abb.: Kornelius Wilkens aus dem Band „Ansichten in stillem Blau“ (Treibgut Verlag) mit Lyrik von Barbara Weitzel

Kaum, dass ich aus dem Urlaub zurück bin. Und die Steuer­erklärung überfällig ist. Schon schreist du es mir entgegen: Das hast du verpasst und das und das. Hendrik Otrembas Buchpremiere im Silent Green zum Beispiel, vorbei. Hattest du nicht seinen neuen, hochinteressanten, von zum Wiederbeleben bestimmten eingefrorenen Toten erzählenden Roman „Kachelbads Erbe“ im Reiserucksack drin? Stella Sommer hat bei der Premiere gesungen, die Sängerin von Die Heiterkeit. Tja. Die Sommerparty der freien Literaturszene? Auch vorbei.

Über FOMO, Fear of missing out, die Angst, etwas zu verpassen, bin ich längst hinweg. Ich verpasse ja wirklich was. Gibt es dafür schon ein Akronym? Habe ich da wieder was verpasst? Und es geht ja jetzt erst richtig los. Bücherherbst, ihr FOMO sapiens! Jede Menge Buchpremieren, gern auch mehrere täglich. Logisch, dass zum Beispiel die von mir sehr geschätzten Autor*innen Jackie Thomae und David Wagner (siehe nebenstehende Rezensionen) am selben Tag lesen. An dem ich sowieso schon woanders verplant bin. Pop-Kultur-Festival! Und wer kümmert sich nochmal um diese Steuererklärung? Luxusprobleme, ich weiß. Aber eben: ­Probleme.

Eine Nachbarin, Barbara Weitzel heißt sie, eine Kollegin auch, hat gerade gemeinsam mit dem Maler Kornelius Wilkens beim Treibgut-Verlag einen kleinen Bild-Text-Band herausgebracht, „Ansichten in stillem Blau“ (Foto). Ihre Lyrik ist das Gegenteil von Berlin, leise und grübelnd und tastend und träumend. „Geschichten, die zu zart sind, um zu Ende erzählt zu werden, haben es nicht leicht“, schreibt sie. „Dabei sind sie in der Mehrzahl.“ Oder: „Dass draußen alles weitergeht, ist eine Kränkung, die Stadt ein ignorantes Biest.“ Sie ist Mitglied der Drei-Frauen-Lesebühne DEO Lesebühne Des Esels Ohr und liest am 23. August, 20 Uhr, in der Saarbrücker Straße 24 aus dem Buch.

Das darf ich schon wieder nicht verpassen.