Pop

Jessie Reyez in der Kantine am Berghain

Gegen Sexismus: Jessie Reyez aus Kanada hält der Musikindustrie den Spiegel vor

Foto: Marlon Munoz

Es ist 2012. Jessie Reyez kellnert in einer Bar. Notgedrungen. Keiner interessiert sich für ihre Musik. „Ich war verzweifelt“, erinnert sich die 26-Jährige. Als eine Bekannte ihr anbietet, sie auf ein Event der Musikindustrie mitzunehmen, wittert Reyez ihre große Chance. Der Abend läuft gut. Sie kommt ins Gespräch mit großen Playern des Business, freestylt mit ihnen, hinterlässt Eindruck. „Lass mal den Club wechseln“, schlägt einer vor. Wenig später sitzen sie in seinem Auto. „Wo geht’s hin?“, will Reyez wissen. „Zu mir“, verkündet der Musikindustrie-Mogul wie selbstverständlich und tätschelt ihren Oberschenkel; seine Hände graben sich immer tiefer in ihren Schoß. Reyez zögert, ringt mit sich. „Wenn du es wirklich ernst meinst mit deinem Traum, dann spreizt du jetzt besser die Beine!“, blökt ihr Gegenüber. Dieser Moment ist der Wendepunkt im zwölfminütigen Begleitfilm zu Jessie Reyez’ aktueller Single „Gatekeeper“, einem düsteren, unbequemen HipHop/R’n’B-Track mit wachrüttelnden Beats, die direkt in die Magengrube zielen. An diesem Abend hätte Reyez beinahe ihre Seele verkauft, sagt sie. Denn die Geschichte ist wahr. Doch statt am Erlebten zu zerbrechen, funktioniert sie es zu einer Waffe um. Und zu einem Symbol für ihre eigene Ermächtigung. 2016 nimmt sie ein großes Label unter Vertrag; kurz darauf fährt ihre Debüt-Single „Figures“, ein akustischer, souliger und unverblümter Break-Up-Song, einen bemerkenswerten Achtungserfolg ein – ganz ohne Fußnote.

Kantine am Berghain Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, Mi 19.7., 19 Uhr, VVK 18,20 € zzgl. Gebühren

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