Stadtleben und Kids in Berlin

Jodeln in Berlin

Wer Jodeln allein in den Alpen ­verortet, liegt falsch. Auch anderswo haben solche Gesänge Tradition. Sogar Berlin blickt ­inzwischen auf zahlreiche ­Jodel-Fans – wie das kommende Jodeltreffen zeigen wird

jodeln-berlinEin typischer Sonntagnachmittag in Kreuzberg. Alle Stühle vor den Cafйs sind besetzt. Selig halten sonnenbebrillte Leute ihre Gesichter in die warme Frühlingssonne. Aus vorbeifahrenden Autos dröhnen die tiefen Bässe türkischen HipHops. Ein paar Schritte weiter, im Inneren eines Ladens in der Lübbener Straße, könnte die Atmosphäre kaum gegensätzlicher sein: Ein Kaminofen knistert und verbreitet Almhüttenatmosphäre. Das passt. Wir sind heute hier, um Jodeln zu lernen.

„Ich habe den Kurs auf einem Aushang entdeckt“, sagt Katja, eine Berlinerin und jüngste der vier Teilnehmer zwischen Anfang 30 und Mitte 40. „Ich fand gleich, das klingt cool.“ Tatsächlich ist Jodeln längst auch weitab von Dirndl und Alpenglühen im urbanen Raum angekommen. Und Berlin ist so etwas wie seine heimliche Hauptstadt. Die Kurse von Doreen Kutzke, Schauspielerin und Gesangslehrerin, jedenfalls sind gut gebucht.

Wir stellen uns im Kreis auf. Nach ein paar Lockerungsübungen geht es los. Schnell weicht die anfängliche Schüchternheit dem Vertrauen in die eigene Stimme. „Locker bleiben und nicht so viel nachdenken, die Töne finden schon ihren Weg“, sagt Kutzke fröhlich und wirft ihre langen blonden Haare zurück. Jodeln macht die Stimme frei, unsere Töne werden lauter, die Atmung wird tiefer und gleichmäßiger und schon bald entsteht eine Art intuitiver Einklang. Nach einer halben Stunde jodeln wir „ho je hi ri ja hu di“. Neugierig, fast besorgt schauen ein paar Jugendliche mit schräg aufgesetzten Basecaps durchs Ladenfenster.

Genau genommen ist Jodeln kein Gesang, sondern der Bruch zwischen Brust- und Kopfstimme. Es funktioniert durch die Varia­tion von Tonhöhen, Tempi und Vokalen. Doreen Kutzke, die in Berlin lebt, aber aus dem Harz kommt und seit ihrem sechsten Lebensjahr jodelt, kombiniert Jodeln mit elektronischer Musik. Regelmäßig gibt sie auch Workshops in London, Wien und Prag. Demnächst veranstaltet sie in Bologna sogar einen Jodel-Workshop für Taubstumme. Dabei will sie sich auch die Vibrationen zunutze machen, die beim Jodeln entstehen.

Welche Dimensionen die Resonanz beim Jodeln erreichen kann, wird spürbar, wenn der 24-köpfige Jodelchor Urban Yodeling von Ingrid Hammer in Schöneberg probt. Hier jodelt man sogar dreistimmig. Doch ehe es losgeht, wird zur Erwärmung erst einmal gegähnt, gestöhnt, das Gesicht zu Grimassen verrenkt. Nach diesen Lockerungsübungen, die vom Zungenrücken bis zur Hüfte gehen, sind alle Verspannungen aufgelöst. Dazu trägt auch die Chorleiterin bei. Mit vollem Körpereinsatz, mal tänzelnd, dann weit gestikulierend, bringt Ingrid Hammer jeden dazu, die Lieder so klingen zu lassen, wie sie sollen. Es geht um feine Nuancen. „Das soll sehnsüchtig klingen, nicht sentimental“, korrigiert Hammer und demonstriert lauthals die richtige Version.

Was das globale Jodeln betrifft, ist die Österreicherin Expertin: Im schweizerischen Appenzell und im Muotatal erlernte sie nicht nur die Jodelstile Zäuerlis, Ruggusserlis und das Juuzen. Im Laufe der letzten 20 Jahre hat Ingrid Hammer auch die jodelähnlichen Krimantschuli-Gesänge aus Georgien aufgespürt, die Yellis der Baka-Pygmäen oder die Saloma-Gesänge aus Panama.

Es ist wohl die Sehnsucht nach etwas Archaischem, Unverkopftem, die bei Ingrid Hammer wöchentlich drei Jodelkurse für Fortgeschrittene und einmal pro Monat einen Kurs für Anfänger lange im Voraus füllt. Denn weil die aneinandergereihten Jodelsilben ohne echten Sinn sind, kann man sich ganz dem Klang hingeben. Wie sich das anfühlt, können auch die Besucher des diesjährigen Alphorn- und Jodeltreffens am 30. April erfahren, des Höhepunktes der Berliner Jodelsaison. Und weil ein Gebirge mit stilechten Tausendern in der Hauptstadt nun mal nicht zur Hand ist, tut’s eben der 67 Meter hohe Hahneberg in Spandau. Die Besucher jedenfalls mögen auch diese Höhenlage: Von Jahr zu Jahr wird es beim Jodeltreffen voller.

Text: Cornelia Wolter

Foto: Sandra Schuck

7. Alphorn- und Jodeltreffen
Mit dem Berliner Alphorn­orchester, dem Berliner Jodelchor Urban Yodeling, dem ­Berliner Jodeltrio La vache qui crie und ­Sängerin Sun Sun Yap ­(Singapur/Wien) mit chinesischen Bergrufen; Eintritt frei, Spenden erwünscht. Die Mitnahme von Essen, Trinken, einer warmen ­Wolldecke und einer Taschenlampe für den ­Rückweg wird empfohlen. Hahneberg, Spandau; Mi 30.4., 18.30 Uhr: gemein­samer Bergaufstieg an der Wegkreuzung Weinmeisterhornweg/Reimerweg/Hahnebergweg, Veranstaltungs­beginn: ab 19 Uhr

Workshop: Chinesische Bergrufe
Mit Sun Sun Yap (Singapur/Wien), Do 1.5., 11.30–18 Uhr, Crellestraße 21, Schöneberg, Anmeldung unter Tel. 782 24 85 oder www.jodeln-in-berlin.de

Jodelschule Kreuzberg
Mit Doreen Kutzke, ­Gruppenworkshop: 60 Ђ/3 Std.; Einzelunterricht: 30 Ђ/60 Min. Termine und Details unter Tel. 89 75 11 00 und
www.jodelschule-kreuzberg.de

Jodeln in Berlin
Anfängerkurse mit Ingrid ­Hammer; nächste Termine: 29.6., 30.8. und 27.9.; Teil­nahmegebühr: 60 Ђ/Workshop (erm. 50 Ђ). Infos und
Anmeldung unter Tel. 782 24 85 oder www.jodeln-in-berlin.de

Jodelstammtisch
Jeweils am zweiten Freitag im Monat im Gasthaus Valentin, Hasenheide 49 (U-Bhf. ­Südstern), Kreuzberg; nächste ­Termine: 9.5., 13.6. und 8.8. je ab 18 Uhr

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