Gentrifizierung

Johanniterstraße in Kreuzberg: Kiez zu verkaufen

Der Wandel in Kreuzberg lässt sich in der Johanniterstraße wie unter einem Brennglas betrachten: Die Häuserblocks an der Johanniterstraße 3–6 sind klassisches Kreuzberg: ein Soziotop für WGs und Rentner, Akademiker und Arbeiter. Jetzt werden die Wohnungen vom Eigentümer aufpoliert, um sie zu verkaufen – und die Mieterinnen fürchten um ihren Wohnraum. Ein Lehrbeispiel darüber, wie ein Grundrecht auf dem Spiel steht

Demonstrantinnen bei der „Mietenwahnsinn“-Demo im Frühjahr 2019. Foto: Martin Schwarzbeck

Auf dem Hof steht ein Schuttcontainer, durch das Treppenhaus huschen Arbeiter in Blaumännern. Die Türen mehrerer Wohnungen an der Kreuzberger Johanniterstraße stehen offen, Staub wirbelt durch die Luft, ein Bohrer dröhnt. In den Fluren und auf den Balkonen stapeln sich Rohre, Eimer und Zementsäcke. Dass die Fassade, die Aufzüge und die Heizung in dem 1970er-Jahre-Wohnblock modernisiert werden, haben die Mieterinnen des Hauses Ende Juni erfahren. Etwa vier Wochen später kam der zweite Brief: „Die Eigentümerin hat sich entschlossen, die Mietwohnungen in ihrer Wohnanlage zu verkaufen (…).“

Es ist eine Szene, die sich in Berlin beinahe tagtäglich wiederholt. Bis tief in die Mittelschicht hat sich die Sorge um die eigene Wohnung gefressen. Irgendwann landet fast jedes Gespräch bei Sanierungen, Mieterhöhungen und Eigenbedarfskündigungen. Weil die Bevölkerung der Stadt im Schnitt jedes Jahr um 40.000 Menschen wächst, wird der Verdrängungskampf immer härter.   

In dem Brief an die Mieter der Johanniterstraße 3–6 in Kreuzberg flötet der Immobilien-Dienstleister Accentro: „Mit dem Kauf Ihrer Mietwohnung können Sie sich den Wunsch nach den eigenen vier Wänden erfüllen (…)“. Für die Bewohnerinnen klingt es wie Häme. Sie wohnen hier, weil das Haus ein Sozialbau ist. Ihre Einkommen reichen nicht mal aus, um die Mieten auf dem freien Markt zu bezahlen.

Schon führen die Makler die ersten Interessenten durch die Wohnungen im Haus. Kreuzberg ist hier grün, der Landwehrkanal verläuft hinter dem Biergarten Brachvogel, der auf der anderen Straßenseite liegt. Sasa Karrec, Ende 30, wohnt in einer WG in dem Block. Er sagt: „Es fühlt sich so an, als wäre das jetzt schon nicht mehr unser Zuhause.“

Dass er selbst irgendwo draußen eine andere Wohnung findet, da ist Karrec noch zuversichtlich. Aber was ist mit den Alten und Kranken im Haus oder den kinderreichen Familien, die nicht einfach so woanders hinkönnen? In Kreuzberg lag die mittlere Angebotsmiete 2018 bei fast 13 Euro nettokalt. Das sind rund 75 Prozent mehr als das, was die Bewohner jetzt zahlen. Karrec sagt: „Wohnen ist doch kein Avocado-Smoothie, wo der Markt den Preis bestimmen kann. Wohnen ist ein Grundbedürfnis.“ Sein richtiger Name lautet anders.

Insgesamt leben fast 150 Parteien unterschiedlicher Herkunft und Generationen in den grau-gelben Blocks. An einem Sonntagabend Mitte August versammeln sich knapp 50 von ihnen im Hof, obwohl es schüttet wie aus Kübeln. Viele Ältere sind dabei, einige stützen sich auf einen Gehstock oder halten sich an einem Rollator fest. Eine Bewohnerin trägt ein Sauerstoffgerät. Sie sind alle entschlossen, um ihr Zuhause zu kämpfen. Nur: Sie haben kaum etwas in der Hand.

In der Johanniterstraße können sie nicht auf das Vorkaufsrecht des Bezirks hoffen, weil der Kiez nicht in einem der derzeit 58 Berliner Milieuschutzgebiete liegt. Im Jahr 2028 verliert der Wohnblock außerdem seinen Sozialbau-Status, dann fällt auch die Mietpreisbindung. Ob der Mietendeckel tatsächlich kommt, steht noch in den Sternen. Und selbst wenn: Weil der Deckel sich nicht an der Lage, sondern am Alter der Häuser orientieren soll, würden davon vor allem Altbau-Mieter profitieren. Und ab 2029 können die neuen Besitzer der Wohnungen an der Johanniterstraße dann Eigenbedarf geltend machen.

Eine Mieterin, die schon seit 25 Jahren in dem Haus lebt und gesundheitlich so beeinträchtigt ist, dass sie auf Unterstützung aus ihrem sozialen Umfeld und kurze Wege zu den Ärzten angewiesen ist, sagt, sie habe regelrechte Existenzängste, seit die Ankündigung gekommen ist: „Ich habe überhaupt keine Idee, was ich jetzt machen soll.“ Schon die geplanten Sanierungen versetzen sie in Panik. Ohne Fahrstuhl sitzt sie auf ihrer Etage fest. Aber die Bauarbeiten an den Aufzügen sollen zwei bis drei Monate dauern.  

Der Wandel in Kreuzberg lässt sich in der Johanniterstraße wie unter einem Brennglas betrachten. Auf dem Grundstück nebenan ist vor wenigen Jahren ein Neubau hochgezogen worden, davor parkt ein schwarzer Volvo-Kombi. Ein Paar spaziert zur Eingangstür herein, in der einen Hand halten sie Coffee-to-go-Becher, in der anderen eine Hundeleine, mit der sie zwei Möpse hinter sich herziehen.

Gebäude Johanniterstraße 3-6, Eingang zu einem der Blocks. Foto: Susanne Grautmann

Die Zahl der Sozialbauten schrumpft seit Jahren. Im Jahr 2004 gab es noch über 216.000 Sozialmietwohnungen in Berlin, 2018 war es mit knapp 96.500 nicht mal mehr die Hälfte. Nach Auskunft der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen wurden 2017 mehr als 16.500 Mietwohnungen in Berlin in Eigentumswohnungen umgewandelt. Das ist ungefähr ein Prozent des gesamten Bestandes. Spitzenreiter unter den Bezirken ist Friedrichshain-Kreuzberg. Fast ein Viertel der umgewandelten Wohnungen liegen hier.

Ein kleines Stück weiter Richtung Osten ist der Wrangelkiez davon besonders betroffen, weil er so angesagt ist, dass alle dorthin wollen: Zuzügler, Ferienvermieter, Investoren, Firmen. Fast jedes Wochenende organisieren hier Hausgemeinschaften Soli-Hoffeste mit Kuchen und Konzerten, um auf sich aufmerksam zu machen und den Ausverkauf ihres Zuhauses abzuwenden. Das Viertel ist als Milieuschutzgebiet ausgewiesen, deswegen kämpfen viele Betroffene darum, dass der Bezirk sein Vorkaufsrecht wahrnimmt. Weil die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften die große Zahl der Vorkaufsfälle nicht mehr alleine stemmen können, ist im Mai die DIESE-Genossenschaft gegründet worden, um als Käuferin einspringen zu können. Mittlerweile hat sie den Vorkauf von sieben Häusern mit insgesamt 103 Wohnungen ausgeübt.

Aber wie oft werden die Bezirke diese Karte noch ziehen können? Der Wohnungsnot wird man mit diesem Mittel allein nicht beikommen. Derzeit fehlen mehr als 130.000 Wohnungen in Berlin. Solange der Neubau, vor allem im unteren Preissegment und beim Sozialbau, nicht massiv beschleunigt wird, ändert sich daran nichts.