Kulturaustausch

„Juden, Christen und Muslime“ im ­Martin-Gropius-Bau

Prägende Handschriften: Mit kostbaren Schriften aus dem Mittelalter erinnert die Ausstellung „Juden, Christen und Muslime“ im ­Martin-Gropius-Bau an eine Zeit des wissenschaftlichen und kulturellen Austauschs der Religionen

Foto: Österreichische Nationalbibliothek

In zwei Jahren soll in Berlins Mitte das House of One gebaut werden, ein sakrales Gebäude für Juden, Christen und Muslime gemeinsam, ein Ort des Austauschs der Wissenschaften, Kunst, Kultur und Modell für ein friedvolles Miteinander.

Im mittelalterlichen Südspanien und Portugal soll so etwas schon existiert haben, auch wenn Historiker davor warnen, diese Epoche zu idealisieren. In „al-Andalus“ mussten die drei monotheistischen Religionen unter der Herrschaft von Kalifen miteinander auskommen. Die muslimisch-arabischen Naturwissenschaften waren den christlichen zu jener Zeit hoch überlegen, und fortschrittliche Geistliche ohne Vorbehalte gegenüber der Herkunft der Kenntnisse trugen dieses Wissen nach Mitteleuropa. Platon und Aristoteles hätte womöglich kaum jemand gekannt, wären deren Schriften nicht aus dem Griechischen ins Arabische und dann ins Lateinische übersetzt worden. Toledo bildete mit seiner Übersetzerschule ein interkulturelles Zentrum, in dem auch medizinische Traktate antiker und arabischer Ärzte ins Lateinische übertragen wurden. Übersetzungen bildeten den Grundstock für die Vermittlung von Wissen.

Das wichtige Transportmittel neuer Forschungsergebnisse, die Schrift, ist Mittelpunkt der Ausstellung „Juden, Christen und Muslime“ der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, kuratiert von Andreas Fingernagel. Vier große Schriftkulturen des Mittelalters werden durch selten der Öffentlichkeit gezeigte Kostbarkeiten präsentiert: wie der „Wiener Dioskurides“, ein aufwendig gestaltetes Pflanzenkundebuch, oder hebräische, griechische, arabische und lateinische Handschriften und Pergamentrollen. Im Vordergrund stehen Medizin, Astronomie und Astrologie – Bereiche, die besonders vom interkulturellen Dialog profitiert haben.

Die Ausstellung sei ein Plädoyer für „eine von Offenheit, Toleranz und gegenseitigem Interesse geprägte Begegnung der drei mosaischen Religionen Judentum, Christentum und Islam“, schreibt die Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, Johanna Rachinger, im Vorwort des Katalogs. „Der in der Ausstellung thematisierte interkulturelle Dialog belegt, dass der Austausch von Wissen historisch betrachtet immer ein entscheidender Faktor zur kulturellen Weiterentwicklung war, ideologische Engstirnigkeit und xenophobe Isolierung hingegen immer Stillstand und Rückentwicklung bedeuten.“

Der Austausch war offensichtlich immer dann am fruchtbarsten, wenn die religiösen Ansichten weniger rigide gehandhabt wurden und die Verantwortlichen sich dem Anderen, dem Neuen öffneten. „Die Religionsvertreter haben sich stark eingemischt“, erklärt Kurator Fingernagel. „Das Sezieren von Menschen war im christlichen Europa des Mittelalters zum Beispiel nicht möglich. Erst im 15. Jahrhundert war die erste offizielle und von der kirchlichen Seite auch genehmigte Sektion durchgeführt worden.“ Auch wurde die Verbreitung astrologischer Traktate, die nicht zur religiösen Weltanschauung passten, unterbunden.

Mit ihren vielen prachtvollen Handschriften und spannenden Illustrationen, begleitet durch umfangreiche Wandtexte, verlangt diese Ausstellung viel Konzentration und Zeit. Für ein so komplexes Thema ist es ratsam, den Katalog zur Nachlese mit nach Hause zu nehmen.

Juden, Christen und Muslime. Dialog der Wissenschaften 500-1500 Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr.7, Kreuzberg, bis 4.3.2018, Mi-Mo 10-19 Uhr, 24.12.+31.12. geschlossen; www.gropiusbau.de

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]