Kultur & Freizeit in Berlin

Jüdisches Leben in Berlin

Jüdisches Leben in Berlin

Der erste Taxifahrer, mit dem Ilan Goren durch Berlin kurvt, drückt auf die Hupe und brüllt: „Arschloch, Ausländer, Schwabe!“ – „Und wo kommen Sie her?“, fragt der israelische Fernsehreporter auf Englisch. „Ich? Wedding. Und Palästina“, gibt der Fahrer grinsend zurück. Berliner Alltag halt.
Die Begegnung erzählt Goren in seinem Buch „Wo bist du, Motek? Ein Israeli in Berlin“, das Ende 2013 bei Ullstein erschien. Er schreibt auch, dass er sich erst ziemlich einzigartig vorkam: aus dem Gelobten Land ausgerechnet in die deutsche Hauptstadt zu reisen. Sich dann aber wiederfand unter „Flugzeugladungen voll zerzauster Künstler, gegelter Goldsucher im Immobiliengeschäft und Stipendienjäger aller Couleur“. Statt des verklärten Berlins aus den Schilderungen seiner verstorbenen Mutter sieht er vor allem: aus dem Boden schießende israelische Hummus-Restaurants. Willkommen in Spree-Aviv!
Die israelische Botschaft schätzt, dass zwischen 15?000 und 20?000 Israelis in Berlin leben, Tendenz steigend. Die genaue Zahl kennt niemand, es besteht ja keine Meldepflicht. Außerdem werden diejenigen nicht mitgezählt, die über die Eltern oder Großeltern einen europäischen Pass besitzen.  Tatsache ist, dass Berlin sich in den vergangenen Jahren zur angesagtesten Diaspora der westlichen Welt entwickelt hat.
70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ?50 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland, 10 Jahre nach dem Bau des Holocaust-Mahnmals gibt es wieder sichtbares, vielfältiges, kreatives jüdisches Leben in Berlin. „Nicht alles koscher, aber alles hip“, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ schreibt. Was perfekt zum Offen-für-alle-Image passt, das die Stadt so gern verkörpern will.
Die Zugezogenen aus Nahost tauschen sich auf der Facebook-Kontaktbörse „Israelis in Berlin“ mit 7?000 Mitgliedern aus. Sie geben sich Tipps auf der Seite Spree- aviv.de. Sie feiern die längst zur Institution gewordenen schwulen „Meschugge“-Partys, die DJ Aviv Netter an der Brunnenstraße ins Leben gerufen hat: „Jewish ist the new disco.“ Sie lesen das auf Hebräisch erscheinende Magazin „Spitz“ der Journalistin Tal Alon. Sie eröffnen Lokale, prägen das kulturelle Leben. Aus deutscher Perspektive der Beleg für eine Gesellschaft, die das Nachrauschen der Nazizeit endgültig überwunden hat.
Gern gehört werden Geschichten wie diese: „Die Suche nach einem Heizofen im kalten Jerusalemer Winter führte einen jungen Israeli und eine Berlin-Studentin zusammen. Wenige Wochen später gewannen die beiden gemeinsam den Design-Wettbewerb für das Logo zum 50-jährigen Jubiläum der deutsch-israelischen diplomatischen Beziehungen.“ Zu finden auf der Homepage der deutschen Botschaft in Tel Aviv. Neue Normalität? Ein reißfestes Band wie im Jubiläumslogo versinnbildlicht? Das stellt eine Schleife da, halb in den israelischen, halb in den deutschen Landesfarben gehalten.
Aber erst vor ein paar Wochen hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu alle in Europa lebenden Juden zur Ausreise nach Israel aufgefordert. Im Nachklang der Pariser Terror-Anschläge auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und der Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt. Unter dem Schock der Attentate auf ein Kulturcafй und eine Synagoge in Kopenhagen. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat vor dem Tragen der rituellen Kopfbedeckung in Vierteln mit vielen Muslimen gewarnt. In Berlin wird entsprechend zwischen dem Regierenden Bürgermeister und den Zeitungskommentatoren gestritten, ob es No-go-Areas für Menschen mit Kippa gibt. Hedonisten willkommen – Religiöse nicht?
Berlin ist seit dem Mittelalter eine jüdisch geprägte Stadt. Und hat immer wieder den Zuzug größerer jüdischer Gruppen erleben dürfen. Wie nach dem Ende des Nazi-Terrors. Oder nach der Wiedervereinigung, als vor allem osteuropäische und russische Juden kamen. In der jüdischen Gemeinde werde inzwischen „vorwiegend Russisch gesprochen“, schreibt der Schriftsteller Peter Schneider in seinem neuen Berlin-Buch „An der Schönheit kann’s nicht liegen“. Er befasst sich darin auch mit dem jüdischen Leben in der Hauptstadt. Und widmet ein eigenes Kapitel den Israelis in Berlin.
Die kommen allerdings in der Mehrzahl nicht, um am Gemeindeleben teilzuhaben. „Ich kann mir vorstellen, dass es die Israelis überhaupt nicht interessiert, was eine jüdische Gemeinde macht. Weil sie sich nicht in erster Linie als Juden empfinden, sondern als Israelis, wozu das Jüdischsein in gewisser Weise dazugehört – aber eben nicht wie hier“, sagt ­Cilly Kugelmann, stellvertretende Leiterin des Jüdischen Museums, in der „taz“.
Es sind fast durchweg junge, oft auch gut ausgebildete Leute aus Tel Aviv. Aber auch Israelis, die ihre Armeezeit hinter sich haben und auf Distanz zum Land gehen. Manche wollen eine Weile im Ausland leben. Andere sind konkret auf Jobsuche. Berlin steht für rauen Charme. Man kommt mit Englisch gut durch. Und die Stadt gilt als erschwinglich. In Tel Aviv explodieren dagegen die Preise.
2011 hat dort die Filmemacherin Daphni Leef ihr Zelt auf dem Rothschild Boulevard aufgeschlagen, weil sie keine bezahlbare Wohnung mehr fand. Was ein wachsendes Protestcamp und landesweite Demonstrationen gegen soziale Ungerechtigkeiten anstieß, inklusive Hüttenkäse-Boykott. Das israelische Grundnahrungsmittel hatte sich um 40 Prozent verteuert. Dagegen ist Berlin ein Dorado.  
Dazu kommen politische Gründe. Viele der jungen Israelis sind Linke, die mit der Politik Netanjahus nichts am Hut und die Nase voll von einem zunehmend kritikfeindlichen Klima haben. Der Schriftsteller hat das in der „Zeit“ geschildert: „Versuche, Widerspruch zu artikulieren, Fragen zu stellen, zu protestieren, eine andere Farbe einzubringen als die des Konsenses, werden bestenfalls lächerlich gemacht oder herablassend behandelt. In anderen Fällen werden Abweichler zum Ziel von Bedrohungen, Verleumdungen und Angriffen. Leute, die nicht ‚unsere Truppen unterstützen‘, werden als Verräter betrachtet.“ Auch beschreiben manche ein Alltagsklima in Tel Aviv, das an Ruppigkeit und Gereiztheit Berlin locker in den Schatten stellt. Das Resultat eines Dauerkonflikts, den viele einfach nicht mehr aushalten können. Oder wollen.
Aber ausgerechnet Deutschland?
Schon vor zehn Jahren schrieb die Autorin Fania Oz-Salzberger in ihrem Sachbuch „Israelis in Berlin“: „Es bleibt rätselhaft, wie man als Israeli in Berlin leben kann, ohne immerzu das Weinen Hunderter Mütter im Konzentrationslager Flossenbürg zu hören, die gerade begreifen, dass ihre Kinder nach Auschwitz gebracht werden. Ohne durch all die Großstadtgeräusche hindurch die Stille um die toten Babys von Majdanek zu hören.“
Als Doreet LeVitte Harten 1980 ihrem Mann, dem Direktor der Kunsthalle Düsseldorf, nach Deutschland folgte, „rangierte Deutschland an letzter Stelle in der Hierarchie von Orten der Diaspora“, erzählt sie in der „Neuen Zürcher Zeitung“. In der Familie der Gründerin der Galerie Circle1 hieß es: „Doreet ist verheiratet mit einem Europäer.“ Man sagte nicht: „Sie lebt in Deutschland.“ Sondern: „Sie lebt jetzt ‚dort‘.“
Aber ähnlich wie „Tel Aviv nicht mit dem Land Israel gleichgesetzt werden kann, so ist Berlin für viele Israelis quasi ein exterritorialer Raum. Sie würden nicht unbedingt sagen, dass sie nach Deutschland gehen, sondern: Sie gehen nach Berlin“. So erklärt es Anat Feinberg,
Professorin für Hebräische und Jüdische Literatur an der Uni Heidelberg, in einem Interview mit dem Goethe-Institut.
Auch familiäre Wurzeln spielen eine Rolle. Viele der Berliner Israelis haben deutsche oder europäische Großeltern. Und können entsprechend die deutsche oder andere Staatsbürgerschaften bekommen. Was nicht heißt, dass in Tel Aviver Familien über den Wegzug der Söhne und Töchter gejubelt würde. Da klaffen oft Generationengräben. Viele hätten mit dem Umzug nach Berlin „unbewusst gewartet, bis ihre Großeltern gestorben sind“, sagt die „Spitz“-Gründerin Tal Alon. Andere sehen in der Übersiedlung aber auch die bewusste Wiederaneignung eines geraubten Erbes.
Yair Lapid, Israels Finanzminister, hat auf Facebook geschrieben: „Mein Großvater wurde im Konzentrationslager umgebracht. Meinen Onkel ließ man verhungern. Vergebt mir, wenn ich ein bisschen ungeduldig bin mit denen, die das einzige Land wegschmeißen wollen, das die Juden haben, nur weil es leichter ist, in Berlin zu leben.“ Und der prominente Rabbi Lau hat im Fernsehen gezürnt: „Israelis in Berlin? Sie haben nichts gelernt.“
Weniger solche Vorwürfe als vielmehr Auseinandersetzungen mit der eigenen Identität spielen für die Israelis an der Spree eine Rolle: „In Israel war Jüdischsein für mich kein Thema. Man ist einfach Jude, auch wenn man nicht an Gott glaubt. Erst seitdem ich in Berlin lebe, frage ich mich dauernd: Was macht mich eigentlich zum Juden?“, sagt der „Meschugge“-DJ Aviv Netter. Der Alltag ist hier oft nicht orthodox, sondern paradox. Schon deshalb, weil so viele der Israelis in Kreuzkölln leben. Tür an Tür mit Al-Aqsa-Elektro und Libanon-Falafel. Im Kiez spiegelt sich das Nahost-Dreieck Israel, Palästina, Libanon. Unter überwiegend friedlichen Vorzeichen. Aber nicht frei von Zusammenstößen.
Konflikte gab es vor allem während der Demonstrationen gegen den israelischen Einsatz in Gaza im vergangenen Jahr. Die „Jüdische Allgemeine“ hat die Vorfälle detailliert aufgelistet. Die Ausfälle gegen ein Ehepaar aus Jerusalem, das zufällig in eine propalästinensische Demonstration geriet und nur durch eine Polizeikette geschützt werden konnte. Unter Rufen wie „Scheiß Juden, wir kriegen euch“ oder „Nazimörder Israel“. Die Drohungen gegen Fotografen einer Nachrichtenagentur, die als „Zionistenpresse“ beschimpft wurden. Die Rufe vor der Synagoge in der Joachimstaler Straße: „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“
In der Mehrzahl waren es in Berlin lebende Palästinenser, die Plakate hochhielten wie „Stop doing what Hitler did to you“. Oder T-Shirts mit der Aufschrift trugen „Stopp den Holocaust in Gaza“. Und nicht wenige deutsche Linke demonstrierten mit. Vergessen ist auch die Attacke auf den Rabbiner Daniel Alter 2012 in Friedenau von arabischen Jugendlichen nicht. Er würde Hebräisch „eher nicht auf der Karl-Marx-Straße oder Sonnenallee“ sprechen, „und wenn, dann leise“, gab Yoav Sapir aus Haifa, seit 2006 Berliner, kürzlich der „Berliner Zeitung“ zu Protokoll.
In einem Blog auf der Seite der „Huffington Post“ entgegnet dagegen der Jurist und Publizist Sergey Lagodinsky dem israelischen Ministerpräsidenten auf sein Emi­grationsangebot: „Danke für die Nachfrage, lieber Herr Netanjahu. Aber uns geht es gut! Nicht ohne Ängste, nicht ohne Sorgen. Aber haben die Israelis weniger davon?“ Die Koffer, schreibt Lagodinsky, „wurden für Deutschland gepackt. Die One-Way-Tickets wurden nach Deutschland gebucht“. Sein klares Statement: „Wir bleiben, weil wir gekommen sind, um hierzubleiben.“

Text:
Patrick Wildermann

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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