Theater und Bühne in Berlin

Judith Herzberg und Stephan Kimmig im Gespräch

Die Dramatikerin Judith Herzberg und der Regisseur Stephan Kimmig erzählen am Deutschen Theater eine ganz normale Familiengeschichte.

Herzberg_KimmigStreitereien, Verliebtheiten, Scheidungen und Leas Vater wird langsam
etwas schrullig. Aber in Wirklichkeit ist „Über Leben“ alles andere als
eine normale Familiengeschichte. Leas Familie sind holländische Juden, die die Shoa überlebt haben.

tip: Frau Herzberg, wir lernen in Ihrer Trilogie eine weitverzweigte Familie kennen, teils jüdisch, teils nichtjüdisch. Sehr beiläufig und lakonisch fallen ab und zu Sätze, die ein ganzes Leben in Frage stellen: „Wenn ich denke, dass ich darauf verzichten muss, finde ich es ein reiches Leben. Wenn ich denke, dass ich damit weitermachen muss, finde ich es arm und schäbig“, sagt Lea. Und danach geht das Leben weiter und sie ärgert sich, weil der Klempner nicht kommt und das Bad unter Wasser steht.

Judith Herzberg:?Aber so ist es doch oft. Ich habe zu Hause eine langweilige Straße, durch die ich immer gehen muss. Wenn ich irgendwann sterbenskrank bin, tut es mir vielleicht leid, dass ich gerade durch diese langweilige Straße nie wieder gehen werde. Man kann den Satz auch umdrehen: Wenn ich denke, das geht alles so weiter, habe ich das Gefühl: Mein Gott, wie soll ich das schaffen? Wenn ich denke, es ist irgendwann vorbei, denke ich: Mein Gott, was für ein Geschenk ist das Leben!

tip: Die Frage ist indiskret, aber sie ist vielleicht auch unvermeidlich. Es gibt, zumindest äußerlich, einige  Parallelen zwischen Lea, Ihrer Hauptfigur, und Ihrem Leben. Lea, geboren 1941, ist sieben Jahre jünger als Sie. Lea ist Holländerin, Jüdin, sie hat den Krieg versteckt bei einer holländischen Familie überlebt. Leas Eltern haben die Konzentrationslager überlebt und kommen nach dem Krieg zurück in die Niederlande zu ihrer Tochter. Sie und Ihre Familie haben Ähnliches erlebt. Ist Lea auch eine autobiografische Figur?

Herzberg:?Die Frage ist wirklich indiskret, aber das gönne ich Ihnen. Nein, Lea ist nicht autobiografisch. Allerdings haben alle Figuren Anteile von mir. Das finde ich das Schöne am Theaterschreiben, man teilt sich in so viele widersprüchliche Dinge, die man in sich trägt. Ich kann mich auch sehr gut in diese Kriegsmutter versetzen, die Lea im Krieg unter Lebensgefahr aufgezogen hat. Und nach dem Krieg ist es für sie ein Schmerz, dass Leas Eltern das Kind wieder zu sich nehmen. Und Leas Mutter, die ihr Kind im Krieg weggeben musste, um es zu retten, bekommt es nie wieder wirklich zurück, weil sich das Kind inzwischen so verändert hat. Für Lea mit ihren beiden Müttern ist es auch nicht einfach. Ich hoffe, ich erschrecke Sie nicht, aber so ist das Leben.

tip: Ist es anders für Sie, dieses Stück über jüdische Familien, die im Nationalsozialismus gelitten haben, nicht in den Niederlanden auf der Bühne zu sehen, sondern in Deutschland, dem,  mit einer etwas zu pathetischen Formulierung. „Land der Täter“?

Herzberg_KimmigHerzberg:?Oh, viele Holländer waren auch Täter, die während des Krieges sehr gut mit den Deutschen zusammengearbeitet haben. Das Schöne bei der ersten Aufführung in Holland war, dass einige Leute im Publikum unheimlich gelacht haben. Das waren zum Großteil Zuschauer, die selber etwas Ähnliches erlebt haben, die fanden das sehr komisch, diese Familie mit ihren Streitereien. Es ist auch ein komisches Stück, wissen Sie. Sie können auch lachen, wenn Sie es sehen, hoffe ich. Die erste Inszenierung, die ich in Deutschland gesehen habe, war ziemlich schrecklich. Die haben das alles mit großen deutschen Schuldgefühlen gespielt, fürchterlich.

tip: Herr Kimmig, weshalb inszenieren Sie die drei Stücke, in denen Judith Herzberg von Leas Familie erzählt, „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ und „Simon“, erstmals an einem Abend?

Stephan Kimmig:?Ich wollte diese Figuren einfach weitererzählen. Wir begleiten sie über zwei Jahrzehnte, ab Anfang der Siebzigerjahre. Immer wieder tauchen Erinnerungen auf, an den Krieg, an die Toten. Gleichzeitig sehen wir, wie diese Menschen leben, wie sie sich verlieben, wie sie älter werden. Judith Herzberg zeigt ihre Figuren in kurzen, angerissenen Momenten, die stark aufgeladen sind und gleichzeitig eine unglaubliche Beiläufigkeit und Leichtigkeit haben. Dadurch entstehen für den Zuschauer immer Zwischenräume, Leerstellen, an denen man etwas weiterspinnen kann. Es gibt viele Lücken im Erzählfluss, Bruchstücke aus der Vergangenheit. Dauernd geht es darum, wer nicht da ist, wer noch kommt, wer fehlt…

tip: Das ist manchmal ganz banal, wenn sich jemand verspätet. Und manchmal sind diese Lücken schrecklich. Dem Vater von Nico fehlt seine vor Jahrzehnten im Konzentrationslager ermordete Frau, ständig lässt er seine zweite Frau spüren, dass sie nur ein Ersatz für seine richtige, seine tote erste Frau ist.

Kimmig:?Ja, aber auch ganz simpel, wenn jemand auf dem Fest vermisst wird. Und man erfährt immer nur Bruchstücke aus der Lebensgeschichte dieser Menschen. Durch diese Lücken in der Erzählung will man mehr von den Figuren wissen. Das ist Judiths Kunst.

Herzberg:?Ich kann es nicht anders. Ich langweile mich sofort, wenn ich etwas zu ausführlich beschreibe. Wenn ich alles im Detail beschreibe, haben die Schauspieler zu wenig Raum. Wie ich schreibe, hat sicher damit zu tun, dass ich das Schreiben für das Theater am Theater gelernt habe, zusammen mit Schauspielern. Ich finde es immer schön, beim Schreiben etwas herauszufinden, was ich vorher noch nicht wusste.

tip: Manchmal sind die Menschen, die fehlen, zum Beispiel weil sie tot sind, auch sehr präsent. Im letzten Teil tritt Ada auf, die tote Mutter von Lea. Lea und ihr Vater sprechen ganz selbstverständlich mit ihr. Sind die Toten anwesend?

Kimmig:?Die Toten sind da, als eine Lücke, als jemand, den man vermisst, als Erinnerung, auch als Teil der genealogischen Reihe.

HerzbergHerzberg:?Ich finde es nicht sehr surreal, dass Lea mit ihrer toten Mutter spricht. Das ist doch so, das machen die Menschen. Deshalb ist das in meinem Stück auch ein ganz normaler Vorgang. Ein Freund von mir ist Priester. Er wurde etwas bekannt, weil er aus der Kirche rausgeschmissen wurde, als er geheiratet hat. Irgendwann habe ich ihn ernsthaft gefragt, ob er wirklich an Gott glaubt. Er sagte, so wie man an die Toten glaubt. Sie bleiben immer bei einem.

tip: Lea sagt zu ihrer toten Mutter: „Es wird Zeit, dass wir euch in Ruhe lassen! Und dass Ihr uns in Ruhe lasst! Und das Wort Holocaust muss auch dringend aus dem Verkehr gezogen werden.“ Man kann sie an dieser Stelle gut verstehen. Gleichzeitig ist das etwas paradox, denn das gesamte Stück handelt davon, dass die Toten uns natürlich nicht in Ruhe lassen.

Herzberg:?Aber nicht mit diesem Wort.

tip: Dem Wort „Holocaust“?

Herzberg:?Ja, das kommt nicht vor, nur an dieser Stelle.

Kimmig:?Und einmal erzählt ein junges Mädchen vom Holocaust Memorial und ihrem Besuch in Auschwitz.

Herzberg:?Aber dieses Mädchen ist eine extrem Außenstehende. Die kann das sagen.

tip: Warum nur diese Außenstehende?

Herzberg:?Darauf kann ich nicht so einfach antworten. Um das zu beantworten, brauche ich ein Theaterstück. Ich weiß nicht, ob wir das gestrichen haben, aber eine Figur sagt irgendwann: Ich bin immer gerne zusammen mit jemandem, der dasselbe durchgemacht hat wie ich, damit wir nicht darüber sprechen müssen.

Kimmig:?Es ist schwer, darüber zu sprechen, aber es geht darum, dass das riesige Gewicht dieses Begriffs und das natürlich riesige Gewicht dessen, was geschehen ist, nicht alles erdrückt. Sondern, dass man etwas über das Leben erzählt und damit auch zeigt, dass es die Nationalsozialisten eben nicht geschafft haben. Darum geht es dauernd bei den Proben: Wie kann man bestimmte Sätze sprechen, wie nimmt man die Geschichte der Figuren ernst, ohne davor zu erstarren? Judith hat einmal gesagt, wenn die Schwere des Themas alles dominiert, wenn man nicht lebendig mit diesen Figuren mitsamt ihren Liebesgeschichten und Schrullen und Erinnerungen umgeht, wenn das nur Opfer sind und keine lebendigen Menschen, dann hat Hitler doch gewonnen.

tip: Wir sehen Lebende, keine Überlebenden. Verweist darauf auch der schön doppelbödige Titel der Trilogie: „Über Leben“?

Herzberg:?Ja. Dieser Titel ist Stephan Kimmigs Erfindung. Er gefällt mir sehr gut. Bei einer Vorstellung von „Leas Hochzeit“ in Wien kam eine ältere Dame auf mich zu, sie wusste nicht, dass ich das Stück geschrieben hatte. Sie sagte: „Verstehen Sie das? Wie kann man ein Kind weggeben, nur weil es gefährlich wird, das würde ich nie tun.“ Das hat mich gefreut, dass das für diese Dame das Thema war: Was macht man in einer gefährlichen Situation mit seinem Kind? Interessant ist, dass das Thema der versteckten jüdischen Kinder in Holland jetzt wieder sehr diskutiert wird. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass die Leute, die das als Kinder erlebt haben, jetzt alt sind, man will sie befragen, solange sie noch da sind. Nach dem Krieg habe ich gedacht: Das ist geschehen, aber jetzt muss man vergessen und in die Zukunft gehen.

tip: Braucht Erinnerung zeitlichen Abstand?

Herzberg:?Ich glaube schon. Man will nicht der Gefangene seiner Vergangenheit sein und von ihr konditioniert werden.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: David von Becker

Über Leben
Deutsches Theater, Fr 8. + Sa 9.4., 19 Uhr, So 17.4., 18 Uhr

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]