Porträt

Julia Zange, die Bohéme-Literatin

Die Schriftstellerin Julia Zange schreibt eine junge Frau in die Lebenskrise. Und lernt dabei viel über sich selbst

Foto: Christian Werner
Foto: Christian Werner

Ist das Leben eine Lüge? Oder man selbst? Wo gehört man hin, wenn man überall dabei ist, aber nirgendwo zuhause? Der Berlin-Roman „Realitätsgewitter“, zweites Buch der Autorin und Schauspielerin Julia Zange, verhandelt diese Fragen. Marla driftet durch die Stadt, durch ihr Leben.  Irgendwo ist immer was. Partys, wo alle auf MDMA oder Kokain sind. Vernissagen in provisorischen Bars. Folgenarme Fummeleien mit beziehungsaversen Berlin-Bohémiens. Und die Eltern mailen heitere Weihnachtsfotos aus einem Spa-Retreat auf Sri Lanka und streichen ihr das Geld. Leider gar nicht geil.

Schon verblüffend, dieses Buch. Mit welcher Souveränität Julia Zange in ihrem gerade mal zweiten Roman Marla immer tiefer in die Traurigkeit, in die Ratlosigkeit hineindirigiert. Wie sie bullshitbingo-tauglichen Hipster-Smalltalk („Habe ich eigentlich schon erzählt, dass Scarlett Johanssons’ Boyfried meine Kunst sammelt?“) mit der Seelenunrast ihrer Protagonistin kontrastiert. Oft findet sie dafür lakonische und doch sinnlich funkelnde Sätze. Wie aus einem Poesiealbum der Spätadoleszenz. Randnotizen vom Nullpunkt. Einer geht so: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nur aus Gegenwart bestehe.“

Über solche Sätze könnte man lange grübeln. Ein Freitagnachmittag im Café Ora am Oranienplatz. Julia Zange kommt mit ihrer Hündin, die irritierenderweise Henri heißt. Dackel-Pinscher-Mischung. Henri liegt die nächsten eineinhalb Stunden  lang regungslos da. Wie auf Valium. Aber als sich eine Dame vom Nebentisch zu Henri herunterbeugt, bellt sie laut. „Nicht küssen!“, sagt Julia Zange. Henri habe mal einer Frau in die Nase gebissen, die sie küssen wollte. Das war bei einer Ausstellungseröffnung.  Natürlich. Wo man eben so Leute trifft, die unbedingt fremde Hunde herzen wollen.

Schon Julia Zange erstes Buch,  „Die Anstalt der besseren Mädchen“, spielte in diesen Berliner Künstlerkreisen. Nur ist da die Protagonistin Loretta infantiler und kriegt trotzdem ein Kind. Marla dagegen wird erwachsen, muss es werden. Als sie ihre Eltern besucht, eskaliert ein Gespräch mit der Mutter. Irgendwann haut Marla ihr eine rein. Auf dem Buchrücken steht ein Maxim-Biller-Zitat: „Das kann nur Julia Zange: Alle  zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr vergisst.“ Das Debüt erschien allerdings 2008. Vor acht Jahren. Hätte dem Biller ja mal einer sagen können. Biller saß übrigens auch 2005 in der Jury des Berliner Nachwuchswettstreits „Open Mike“,  als sie  einen der drei Preise gewann.

Damals lebte Julia Zange, die 1987 in Darmstadt geboren wurde und in Osthessen auf dem Land aufwuchs, noch in München. Fremd in ihrem Germanistik-Studium, das sie dann schmiss. Für eine Schreibwerkstatt verfasste sie ihren ersten längeren Prosatext. Der begann so: „Eine Rehkuh steht auf einer Leinwand und grast ganz still.“ Hinterher hatte sie einen Buchvertrag bei Suhrkamp. Ein Jahr später zog sie nach Berlin, studierte  Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation.

Als Künstlerin ist Julia Zange Autodidaktin. Beim Schreiben, beim Schauspielen auch. Dazu kam sie über ein Casting, bei dem sie nur einer Freundin helfen wollte. Ihre erste Dreharbeit war gleich die Hauptrolle in Philip Grönings 2013 gedrehtem Film „Mein Bruder Robert“, der 2017 anläuft.  Ihr zweiter Film, der nächstes Jahr ins Kino kommt, der semidokumentarische „Der kurze Sommer der Theorie“ (Regie: Irene von Alberti), erzählt von drei jungen Kreativ-Frauen, deren WG demnächst Baugruben weichen könnte. Letztes Jahr war sie in der Webserie „Transatlantics“ der Künstlerin Britta Thie zu sehen, die das Kreativmilieu persiflierte, aber nur ein bisschen.  Ihr Millieu.

„In meinem Umfeld machen eben die meisten etwas mit Kunst oder Literatur“, sagt Julia Zange. „Ich hätte gar nichts gegen Handwerker. Aber die trifft man selten. Höchstens über Tinder.“ Sie lacht.
Nachdem sie das Buch beim Verlag abgegeben hatte, wollte sie es kurzzeitig wieder zurückziehen. „Das erste Buch fand noch viel mehr in meiner Phantasie statt“, sagt sie. „Das neue bin mehr ich. Deswegen mache ich mich damit verletzlicher.“  Beim Schreiben von „Realitätsgewitter“ sei ihr aber erst richtig klar geworden, was das erste Buch für sie bedeutete. Es ist so, als würde sie in ihren eigenen Werken immer wieder neue Dinge über sich selbst herausfinden. Und dieser Prozess ist noch lange nicht vorbei. Vielleicht fängt er gerade erst an.

Realitätsgewitter von Julia Zange, Aufbau Verlag, 157 S., 17,95 €,

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