Indie

Weich und unbesiegbar: Julien Baker

Kaum eine junge Songwriterin schreibt derzeit Lieder wie Julien Baker: Preziosen mit schonungslos intimen Lyrics. Wer ist dieser Mensch, der seine Kraft aus der eigenen Verletzlichkeit schöpft?

Foto: Nolan Knight

Eine ernste junge Frau muss sie sein, diese Julien Baker. Dieses Urteil dürfte allzu schnell fällen, wer die Songwriterin aus Memphis, Tennessee, nachdenklich von Fotos blicken sieht, und ihren Lyrics über Komplexe und Ängste, über Liebesleid und existenzielle Zweifel lauscht. Und dann ist da noch diese Information, ohne die kaum ein Bericht über sie auskommt: Baker trinke keinen Alkohol und nehme keine Drogen, nie. Schlechte Erfahrungen habe sie mit dem Rausch gesammelt, sagte sie in Interviews. Man stellt sich Baker als Grüblerin vor. Als Mensch, dem man besser nicht mit Bullshit kommt.

Aber dann sitzt die 21-Jährige in einem Berliner Hotelzimmer vor einem, um über ihr zweites Album „Turn Out The Lights“ zu sprechen, kaut Kaugummi, mustert einen mit wachem Blick. Und alles ist ganz einfach. Baker erzählt, wie sehr sie sich auf das Konzert der Songwriterin Waxahatchee am Abend freue, und warum Interviews viel besser seien, als viele Künstler glauben: „Man redet den ganzen Tag mit coolen Leuten über seine Kunst, ist das nicht großartig?“, sagt sie. Julien Baker ist ein Typ, wie ihn Ellen Page im Indiefilm-Klassiker „Juno“ verkörperte: Ein Tomboy mit Komm-mir-bloß-nicht-dumm-Ausstrahlung, dabei einnehmend freundlich, schlagfertig, ehrlich interessiert am Gegenüber. Man könnte behaupten, sie wirke aufgeräumter als die meisten Menschen in ihrem Alter. Aber ernst?

Bakers Debüt „Sprained Ankle“, veröffentlicht vor zwei Jahren, war ein unwahrscheinlicher Erfolg. Eine zärtliche, schonungslose Coming-of-Age-Platte über die Verletzungen, die das Erwachsenwerden hinterlässt, zu sperrig und reduziert, um ein großes Publikum anzusprechen. Eigentlich. Denn Bakers Perspektive ist eine ungewöhnliche im Pop. Aufgewachsen in Tennessee, einem Bundesstaat, in dem Trump vor einem Jahr mit einer Mehrheit von über 61 Prozent gewählt wurde, ist Baker bis heute gläubige Christin – und lesbisch.

Als „Erfolg aus Versehen“ bezeichnet sie ihren Durchbruch heute. Während sie ihr Debüt noch in wenigen Tagen mit einem Freund in Eigenregie aufnahm, spielte sie „Turn Out The Lights“ in den Ardent Studios in ihrer Heimatstadt Memphis ein, in denen Künstler wie Bob Dylan oder M.I.A. legendäre Alben produzierten. Es sei eine Befreiung und Belastung zugleich gewesen, auf einen Schlag Zeit, Unterstützung und Equipment zur Verfügung zu haben, erzählt Baker: Einerseits eröffnete ihr die Professionalisierung neue Möglichkeiten; andererseits habe es sie ein wenig wahnsinnig gemacht, plötzlich intensiv über ihr bis dato so intuitives Songwriting nachzudenken. „Wir nahmen die Platte auf, und ich dachte: Cool, ich bin glücklich mit den Songs“, sagt Baker. „Einen Monat später hörte ich sie und dachte: Oh Gott, sie sind schrecklich. Zum Glück haben die Menschen in meinem Umfeld mich darin bestärkt, etwas selbstbewusster zu sein.“

Diese Menschen, das sind Bakers Freunde und Bekannte, Akteure der Do-It-Yourself-Szene von Memphis. Wundervolle Leute, sagt Baker, Künstler mit Punk-Ethos und queerfeministischer Haltung. Baker bewegt sich in politischen Kreisen, ohne sich als politische Künstlerin zu betrachten. „Ich schreibe keine Songs über die Flüchtlingskrise oder unseren Präsidenten, sondern über meine Freunde“, sagt Baker. Sie halte viel von der These, das Private sei politisch. Aber nervt es nicht irgendwie, als lesbische Christin immer wieder die gleichen Identitätsfragen verhandeln zu müssen? „Natürlich sollte es kein Widerspruch sein, queer und christlich zu sein“, sagt Baker. „Aber wer davon ausgeht, das sei nicht mehr der Rede wert, lebt ganz schön idealistisch. Als Künstlerin habe ich das Privileg, darüber reden zu können, also macht es mir nichts aus, es auch zu tun.“

Sie zögert, wenn man sie fragt, ob sie sich als Role Model sehe. Auch wenn die Songs auf „Turn Out The Lights“ größer gedacht, opulenter instrumentiert sind als die rohen Songwriterstücke auf dem Debüt, spürt man – in Bakers Musik wie auch im Gespräch – ihren Willen, sich zu offenbaren, ohne sich zu exponieren. „Als ich jünger war, habe ich lange verzweifelt nach Vorbildern gesucht“, sagt sie. „Wenn du siehst, wie eine queere Person Erfolg hat, kann dich das beflügeln. Ich will mich aber kein Vorbild sein, sondern eine Person, die sich verletzlich zeigt und somit vielleicht andere Menschen einlädt, sich auch verletzlich zu zeigen.“ Verletzlichkeit: ein Thema, um das Bakers gesamtes Schaffen kreist. Ihre intimen Lyrics lassen an das von der US-Kunstschaffenden Lora Mathis geprägte Konzept der „Radical Softness“ denken. Radikal sanft sein, das bedeutet: Gefühle aller Art, aber auch psychische Erkrankungen wie Depressionen – von der Mehrheitsgesellschaft als Schwäche stigmatisiert – offen zu thematisieren, um daraus Kraft zu schöpfen. „Ich habe das Privileg, viele Freunde zu haben, die extreme Verletzlichkeit als Stärke sehen“, sagt Baker.

Für sie sei es ein langer Prozess gewesen, zu begreifen, dass man anderen keine leicht verdauliche Version seiner selbst präsentieren muss. „Auf der Highschool waren alle meine Freunde cool damit, als ich mich geoutet habe“, erzählt sie. Allerdings sei es ihr vorgekommen, als erwartete man nun von ihr, dass sie sich wie ein Typ verhalte. Dass sie sich anders kleide als die Girly-Girls. Und natürlich: immer tough über Lesben-Witze lache. Baker spielte mit. Bis sie verstand, dass sie nicht muss. Die befreundete Songschreiberin Mary Lambert habe ihr einmal gesagt: Das Revolutionärste, was wir tun können, ist ohne Scham und Angst vor Verletzungen genau das zu sein, was wir sind. „Ich versuche sehr, dem gerecht zu werden“, sagt Baker.

Es erfordert im Pop nicht viel Mut, über Liebesleid zu singen. Offenbart jedoch eine junge Frau schonungslos echte Abgründe, geht sie ein Risiko ein. Wer Julien Baker trifft, diese junge Songwriterin, die so ernst, so stark und mit stiller Autorität gesegnet wirkt, obwohl sie immer wieder ihr Zweifeln vertont, begreift: Tut man es dennoch, kann man sich unbesiegbar machen.

Heimathafen Neukölln Karl-Marx-Str. 141, Neukölln, Di 14.11., 21 Uhr, VVK 17,60 €

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