Musik & Party in Berlin

Junge Israelis erobern das Berliner Nachtleben

Shalom, Berlin: Sie eröffnen Clubs in alten Lagerhallen, veranstalten Disco-Nächte in Kellergewölben und legen Platten von Grandmaster Flash und Dschingis Khan auf. Teil drei unserer Reportage.

Tube StationOft sind Genre-Größen wie Grandmaster Flash oder The RZA vom Wu-Tang Clan zu Gast. Heute Abend ist Yogo da, ein Top-DJ aus Isreal, der Gabriel gerade am DJ-Pult abgelöst hat. „Wir leben in einer urbanen Umgebung, in der Religion, Sexualität und Hautfarbe keine Rolle spielen“, sagt er. Trotzdem fällt ihm immer auf, wie verkrampft manche Leute mit dem Thema „Juden in Deutschland“ umgehen: „Viele Deutsche vermeiden es, das Wort Jude auszusprechen, und bemühen sich mit Floskeln wie ‚jüdische Mitbürger‘ oder ‚Menschen mosaischen Glaubens‘.“
Während DJ Yogo die Hüften auf dem Dancefloor mit orientalischen HipHop zum Kreisen bringt, bahnt Gabriel sich den Weg durch die Menge, um an der Tür nach dem Rechten zu sehen. Im Vorbeigehen grüßt er Romina aus Charlottenburg. „Klar, es kommen auch viele jüdische Freunde zu meinen Partys“, sagt Gabriel. Angst vor Anschlägen habe er nicht, da er keine explizit jüdisch-israelische Party veranstalte. Trotzdem lege er Wert auf gewisse Sicherheitsvorkehrungen: Wie in jedem professionellen Club gibt es auch hier Türsteher und Taschenkontrollen am Eingang. Neuerdings ist Gabriels Party auch ein Exportschlager: Während der Tape Club mit der „Pag“-Party Tel-Aviv-Feeling importiert, bringt Gabriel „das coole Berlin“ in die Metropole am Mittelmeer. Seit April heißt es auch dort einmal im Monat „HipHop Don’t Stop“. „Die Party kommt super an“, schwärmt Gabriel. Die deutsche Hauptstadt steht auch in Tel Aviv hoch im Kurs.
HipHop, House oder Pop d’Eurovision – die musikalischen Vorlieben von Gabriel, Yoni und Aviv sind sehr verschieden, aber die drei haben eines gemeinsam: Im Gegensatz zur Generation ihrer Eltern bewegen sie sich ohne Berührungsängste und Vorbehalte durch die Stadt, in der die systematische Ermordung der europäischen Juden beschlossen und geplant wurde. Ihre jüdische Herkunft ist zwar präsent, aber kein zentrales Thema mehr. Bei Elina Tilipman ist das anders. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, jüdische Kultur zeitgemäß und jenseits von Klischees zu interpretieren. An einem Sonntagnachmittag ist sie im ПMA Design Village anzutreffen, einem Fabrikgelände mit großem Hinterhof in Kreuzberg.
Sister Chain & Brother JohnInitiiert wird ПMA, was auf Hebräisch Mutter heißt, von einer Israelin, die Ateliers und Wohnungen an Kreative aus aller Welt vermietet. Ein kleines Cafй gibt es dort auch. Immer sonntags treffen sich hier Israelis zum Humus-Essen oder Kaffee trinken. Das israelische Folk-Duo Sister Chain & Brother John singt poetische Lieder. Gabriel ist auch da und unterhält sich mit Elina draußen in großer Runde an einem Tisch. Seitdem die 25-Jährige mit den kurzen Haaren aus Bremen nach Berlin gekommen ist, setzt sie sich dafür ein, jüdische Kultur einem breiten Publikum nahezubringen. Auch jetzt knüpft sie fleißig Kontakte und erzählt all ihren Freunden und Bekannten von ihrem Vorhaben. Zusammen mit Claudia Frenzel, die sich im Rahmen des ILanD-Projekts um den Austausch zwischen deutschen und israelischen Musikern kümmert, veranstaltet sie die neue Partyreihe „ISreal“. „Mit diesen Events wollen wir junge israelische Musiker in den Mittelpunkt rü­cken, damit man hier sieht, welch kreatives Potenzial in ihnen schlummert“, sagt sie. Den Auftakt macht am 19. Oktober die New Yorker Band Golem mit ihrem Klezmer-Punkrock im Kaffee Burger. Elinas größtes Projekt ist die Ausrichtung einer großen „Chanukka“-Party im Violet-Club. In Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde und dem Zentralrat der Juden soll sie am 12. Dezember stattfinden – mit viel jüdischer Musik, aber auch HipHop und Electro. Nur im Rahmen einer zeitgemäßen Veranstaltung könne man junge Leute für das Judentum begeistern, sagt Elina. „Wir möchten nicht immer mit erhobenem Zeigefinger auf die schreckliche Vergangenheit deuten, sondern gemeinsam die Zukunft gestalten.“ Ein Statement, das Sängerin Maya Saban unterschreiben kann. Mit ihrer Band geht sie auf eine Reise zu ihren jüdischen Wurzeln und verpackt traditionelle jiddische Lieder in modernen Electro-Swing. Auf Elina Tilipmans „Chanukka“-Party wird sie auch auf der Bühne stehen. Einen passenden Namen für das Projekt hat Saban schon gefunden: Jewdyssee.

Text: Wolfgang Altmann
Fotos: Jens Berger/tip

Meschugge – The unkosher Jew-Queer Night, Zweijährige Geburtstagsparty mit Überraschungsgästen aus Tel Aviv, Loreley,
Karl-Liebknecht-Straße 11, Mitte, Sa 17.10., 23 Uhr

Cityboy, Loreley, Karl-Liebknecht-Straße 11, Mitte, Fr 23.10., 23 Uhr

Pag-Party, Tape Club, Heidestraße 14, Mitte, Fr 6.11., 23 Uhr

HipHop Don’t Stop, Line-up: Frenglish Connection (live), Dister, San Gabriel, Jumpy, Pete from BBE, Tube Station Club, Friedrichstraße 180-184, Mitte, Sa 3.10., 23 Uhr

Chanukka-Party mit Jewdyssee u.a., Violet Club, Rosmarinstraße 8, Mitte, Sa 12.12.


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