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Berliner Kältebus für Obdachlose: „Oft einziger menschlicher Kontakt“

Seit mehr als 25 Jahren ist in Berlin der Kältebus unterwegs, seit einiger Zeit gibt es zwei von ihnen. Die Aufgabe der Mitfahrenden? Menschen, die auf der Straße leben oder schlafen, zu helfen – und sie vor den Gefahren des Winters, den frostigen Temperaturen zu schützen. Auch, wenn die härteste Kältewelle seit Jahren hinter uns liegt – die Arbeit wird deshalb nicht unwichtiger. tipberlin war bei der verantwortlichen Stadtmission, um über die vergangenen Wochen, die Zukunft und die Wichtigkeit ehrenamtlicher Helfer*innen zu reden.

Yannick Büchle arbeitet im Team des Kältebusses der Stadtmission und hilft Berliner Obdachlosen. Foto: tipBerlin
Yannick Büchle arbeitet im Team des Kältebusses der Stadtmission und hilft Berliner Obdachlosen. Foto: tipBerlin

Kältebus: Im Eis-Winter teilweise 400 Anrufe am Tag

Ein Kraftakt, sagt Yannick Büchle – „das war wirklich ein Kraftakt“. Die Wochen im Februar, in denen das Thermometer Temperaturen im zweistelligen Minusbereich anzeigte, das war schon eine Ausnahmesituation für das Team des Kältebusses – und noch mehr für die Menschen, denen es helfen will. „Da mussten wir auf allen Ebenen justieren und improvisieren.“ Büchle und weitere Helfer*innen steuern mit dem Kältebus I und dem Kältebus II durch Berlin.

Dorthin, wo sie Menschen helfen können, die die Nächte auf der Straße verbringen. Und das sind einige. Offizielle Zählungen beziffern die Anzahl der Menschen in Berlin, die wohnungslos sind, auf knapp 2000, Verbände gehen, je nach Schätzung vom Drei- bis Fünffachen aus.

Welche Orte das sind, das ist nach vielen Jahren bekannt. Aber: Der Kältebus kommt auch dorthin, wo Menschen andere in Gefahr wägen: „Wir hatten in der besonders kalten Phase teils 400 Anrufe pro Tag“, sagt Büchle. Eine kaum zu bewältigende Menge: Vier Stunden ist das Team für gewöhnlich unterwegs, Start gegen 20.30 Uhr, zuletzt oft bis zwei Uhr nachts.

Mit dem Kältebus werden Obdachlose, die das wollen, zu Unterkünften gefahren, in denen sie sich aufwärmen können. Wenn das reicht – bemerkt das Team gefährliche bis lebensbedrohliche Umstände, geht es für die Personen direkt ins Krankenhaus. Allerdings: Es wollen gar nicht alle „gerettet“ werden. „Viele haben sich mit dem Leben auf der Straße auch bei extremen Temperaturen arrangiert“, erklärt der 25-Jährige. „Wer auf der Straße lebt, der hat seine eigenen Strategien, seine eigenen Mechanismen, um zu Überleben – und eben nicht immer den Wunsch, in eine Unterkunft zu kommen.“

Nicht alle Obdachlosen wollen vom Kältebus in Unterkünfte gebracht werden

Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Einer kann Angst sein: Viele Obdachlose ziehen die Straße den klassischen Heimen vor, weil dort oft ein rauer Ton herrscht – Missgunst, Misstrauen, aggressive Grundstimmung schrecken viele ab. Ein anderer Grund ist pragmatisch wie traurig: Dort darf nicht getrunken werden. Viele, berichtet Büchle seien Alkoholiker*innen, die im Stundentakt nachlegen wollen beziehungsweise: müssen. Die Sucht hat sie so unter Kontrolle, dass sie die Kälte vorziehen.

Ehrenamtliche Helfer*innen bereiten das Abendessen in der Stadtmission vor. Foto: tipBerlin

Eine weitere Begründung ist oft, dass die Menschen sich schlicht eingerichtet haben und ihre kleinen Lager nicht verlassen wollen. Weil sie sonst geräumt werden könnten oder auch bestohlen von anderen in Not. Oder: Die Betroffenen haben Tiere, die sie nicht mitnehmen dürften in die Unterkünfte. „Wir respektieren das natürlich“, sagt Büchle. Immerhin können sie dann oft mit neuen Decken, mit Isomatten, mit anderen praktischen Gegenständen ein bisschen helfen.

Das Team muss all diese Situationen natürlich immer genau bewerten – „wenn wir jetzt wieder gehen, ist die Person dann sicher?“ Man sei kein medizinisches Fachpersonal, im Ernstfall wird der Krankenwagen gerufen. Was die Kältebus-Mitfahrenden aber in jedem Fall sind? Wichtige Bezugspersonen. „Manchmal sind wir die ersten Menschen, mit denen die Betroffenen am Tag überhaupt reden.“

Anschluss fällt oft schwer: „Manchmal tagelang keine menschlichen Kontakte“

Besonders in Zeiten der Pandemie fällt der Anschluss an den Rest der Gesellschaft zusätzlich schwer. Weil weniger Menschen unterwegs sind, weil weniger Orte, an denen man doch mal in Ruhe einen Kaffee trinken kann, geschlossen sind: „Da sind manchmal überhaupt keine menschlichen Kontakte mehr, tagelang nicht – entsprechend wichtig ist es auch, dass wir einfach mal kurz reden.“

Obdachlose zelten Anfang März an der Schillingbrücke in Berlin-Mitte, nicht weit der East Side Gallery und verschiedener Investorenprojekte des East Side Parks. Foto: Imago/Dirk Sattler

Auch deshalb wurde das Angebot um einen Suppenbus erweitert, der nun besonders wichtig ist, in einer Zeit, in der eben viele Einrichtungen Corona-bedingt deutlich weniger Kapazitäten haben, ebenfalls keine lange Aufenthalte ermöglichen können. Ein bisschen menschliche Wärme, das ist fast so wichtig, wenn nicht wichtiger als die warme Suppe.

Büchle stieß vor fünf Jahren auf der Suche nach einem Platz für ein Freiwilliges Soziales Jahr auf die Stadtmission, machte ebendieses dort – und blieb, um zu helfen. „Wir sind immer auf der Suche nach Ehrenamtlichen“, sagt er. In den Räumen an der Lehrter Straße 68 ist derzeit auch eine Corona-Station für Obdachlose, die sich infiziert haben. es wird getestet, es gibt Mahlzeiten, Aufenthaltsmöglichkeiten. „Wir brauchen immer Leute, die regelmäßig helfen können.“ Zuletzt hatte die Stadtmission am Bahnhof Zoo das „Zentrum am Zoo“ eröffnet, die Ex-Polizeistation soll ein Ort der Hoffnung sein.

  • Die zwei Kältebusse sind vom 1. November bis zum 31. März unterwegs. Die Telefonnummer ist 0178/523 58 38, erreichbar von 20.30 bis 2.30 Uhr
  • Kältebus 1: täglich unterwegs von 21 bis 3 Uhr
  • Kältebus 2: täglich unterwegs von 19 bis 1 Uhr

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Ihr wollt Obdachlosen in Berlin helfen: Anlaufstellen, Telefonnummern und Orte. Immer gebraucht werden Sachspenden in Berlin: Diese Einrichtungen freuen sich über eure Hilfe. Für Menschen, die wenig Geld zur Verfügung, aber eine Wohnung haben, gibt es unter anderem Spenden- und Sozialkaufhäuser in Berlin.