Romanadaption

Kafkas „Amerika“ am Deutschen Theater

Homo Sacer: Dušan David Pařízek inszeniert Kafkas „Amerika“-Roman

Foto: Arno Declair

Der Philosoph Giorgio Agamben hat aus einem Begriff des römischen Rechts, „Homo Sacer“, eine ganze Denkschule entwickelt. Der „Homo Sacer“ ist der nackte, nicht vom Recht und also vom Staat geschützte Mensch. Er hat, wie heute die Geflüchteten, wenig mehr als das eigene Leben, den nackten Leib. Diesen ungeschützten, ums pure Überleben kämpfenden Körper macht der Regisseur Dušan David Pařízek zum Zentrum seiner Inszenierung „Amerika“ nach Kafkas Romanfragment „Der Verschollene“ am Deutschen Theater. Marcel Kohler spielt den in der Fremde Verschollenen, Kafkas Karl Roßmann, in Unterhosen.

Alle anderen haben eine soziale Rolle, Staatsbürgerrechte und sogar Kleidung und Businessuniform; der arme Roßmann hat nur sich selbst. Er ist ein großes Kind, das freundlich in die neue Welt blickt, aber die Welt blickt eher unfreundlich und schwer enträtselbar zurück. Die Fremde der neuen Welt ist in diesem Fall New York, das Auswanderungsziel verarmter Europäer zu Kafkas Zeit. Roßmann ist zwar sensibel und nicht dumm, aber er weiß dauernd nicht, wie ihm geschieht. Der 15-Jährige wurde von seinem Kindermädchen verführt, und weil er sie schwängerte, haben ihn seine Eltern nach Amerika entsorgt.

Pařízeks Inszenierung hakt die Stationen seines Wegs in die Fremde in knappen, klar ausgestellten Bildern ab: die Atlantiküberquerung, der Onkel, der den Jungen empfängt und schnell wieder loswerden will (Ulrich Matthes), die kleinkriminellen Reisebekanntschaften, die Jobs als Hotelliftboy und als Diener einer fetten Opernsängerin (Regine Zimmermann). Staunend und hilflos freundlich blickt Kohlers Roßmann in diese fremde Welt des Erwachsenwerdens, in der alles bürokratisch hoch verregelt und trotzdem undurchsichtig ist wie heute ein Asylverfahren. Dass er nicht umkommt oder durchdreht, ist ein Wunder. Der kunstutopische Fluchtpunkt des Romans, das große Naturtheater von Oklahoma, entpuppt sich als trötende Amateurjazzbigband in Sun-Ra-Outerspace-Glitzerkostümen – ein besseres Paradies kann es eigentlich nicht geben.

Deutsches Theater Schumannstr. 13, Mitte, Eintritt 5–48, erm. 9 €

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