Kunst und Museen in Berlin

Karl Friedrich Schinkel im Kulturforum

Griff nach den Sternen: Nach 30 Jahren wird Karl Friedrich Schinkel wieder umfassend präsentiert.

ReinhardSaczewski_bpk_StaatlicheMuseenZuBerlin_KupferstichkabinettWer sich in Berlin-Mitte oder im alten Westen bewegt, der durchstreift Schinkelland: Sei es das Alte Museum am Lustgarten mit seinen edlen 18 kannelierten Säulen oder das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Und Schinkel war es, der den Kreuzberg mit dem gusseisernen Nationaldenkmal bekrönte. Als Gegenwarts-Spezialist Udo Kittelmann sein Amt als Chef der Nationalgalerie antrat, becircte ihn zur Überraschung vieler die Friedrichswerdersche Kirche mit ihren umwerfenden Skulpturen. Im Schlosspark Charlottenburg schlummert das romantische Luisenmausoleum vor sich hin. Der Berliner Dom sah auch schon mal charmanter – sprich: weniger wuchtig – aus, als er 1821 aus dem Reißbrett Schinkels kam. Seine Elisabethkirche geriet erst kürzlich bei der Berlin-Biennale wieder in den Fokus. Sein schönstes Bauwerk ist vielleicht das italienisch anmutende Schloss Charlottenhof mit seinem berückenden Park in Potsdam.

Bekanntlich ist Schinkel (1781-1841) der Architekt des Klassizismus. Seine Vorbilder waren das antike Rom und der Palladio-Stil. Mit dem Klischee eines „antiken Geist träumenden Spree-Athens“ wurde in den letzten Jahren gründlich aufgeräumt. Dafür sorgte Andreas Haus’ Monographie über „Schinkel als Künstler“ ebenso wie die topographisch angelegten Studien von Eva und Helmut Börsch-Supan. Sie maßen die Reduzierung auf den preußischen Architekten weit aus und zeigten ihn auch als Maler wie Utopisten. Eine Forschergruppe der Humboldt-Universität beleuchtete bislang ignorierte Aspekte wie die patriotische Funktion der Historisierung des Mittelalters. Gerade in einer Stadt wie Berlin, die sich neu erfinden musste nach 1989, ist Schinkel auch ohne den für große Ausstellungen üblichen Jubiläumsanlass hochaktuell: Dies zeigen behutsame Rekonstruktionen wie das Neue Museum von Chipperfield oder die nicht minder geniale Alte Nationalgalerie von HG Merz.

c_JoergP.Anders_bpk_StaatlicheMuseenZuBerlin_Kupferstichkabinett„Was es seit 30 Jahren aber nicht gab, war eine zusammenbindende, große Werkschau“, sagt Heinrich Schulze Altcappenberg, Chef des Kupferstichkabinetts. Die Ausstellung mit rund 300 Exponaten gliedert sich in neun Segmente. In Anspielung auf den inszenatorischen Charakter des Schinkelschen Gesamtwerks werden sie zu „Tableaux“ arrangiert. Das Skizzenbuch des Pubertierenden ist ebenso darunter wie das noch nie in Deutschland ausgestellte, eigentümlich psychologisierende Portrait seiner Tochter Susanne. Dem staunenden Publikum führte Schinkel ferne und vergangene Kulturräume vor Augen: das alte Ägypten mit dem irisierenden Sternenhimmel der „Zauberflöte“ ebenso wie peruanische Feuertempel in Gaspare Spontinis Oper „Fernand Cortez“ oder das Rosenfest von Kaschmir. Utopisch wie faszinierend sind seine Entwürfe für die „Villa Laurentium“ des Plinius bei Ostia und das Schloss Orianda auf der Krim.

Spannend ist sein maßgeblicher Anteil an der Gewerbeförderung in der ersten Gründerzeit Preußens, und so befragt ein Kapitel „Schinkel als Designer“. Clou der Schau ist das „Brennende Moskau“. Eigens wurde im Kupferstichkabinett ein Raum eingerichtet, in dem das perspektivische Schaubild rekonstruiert ist, mit dem Schinkel die Katastrophe reinszenierte und die Berliner Öffentlichkeit Weihnachten 1812 begeisterte. Die Ausstellung greift über den Hauptschauplatz weit hinaus. Die Alte Nationalgalerie zeigt eine Sammlungsauswahl „Romantik und Mittelalter. Architektur und Natur in der Malerei nach Schinkel“. Und die App „audio guide cultY Berlin“ will dazu verführen, sich auf Schinkels Spuren über die Stadtgrenzen hinaus ins Umland zu bewegen. Eine reizvolle Idee für den Frühherbst.

Text: Martin Jammers

Foto: Reinhard Saczewski (oben), Joerg P. Anders (Porträt) / bpk / Staatliche Museen zu Berlin /Kupferstichkabinett 

„Karl Friedrich Schinkel. Geschichte und Poesie“ Sonderausstellungshallen Kulturforum, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa+So 11-18 Uhr, 7.9.-6.1.2013

 

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